Archiv der Kategorie: Leseprobe

Ursula Hirtl: Zehntausend und ein Tag

1980, September

Ich bin neunzehn, sitze im Seminarraum auf der so genannten Päd.Ak. in Linz und langweile mich. Deutsch Didaktik. Erstes Semester, erstes Seminar. Die Mitstudierenden noch völlig unbekannt.

In der Pause ein paar Wortfetzen von gegenüber: Mein Freund heißt Saad und studiert an der Kunstuni.

Aufhorchen. Schon höre ich meine Stimme: Das ist der Grafiker, der in der Lessingstraße wohnt.

Dunkle Augen blitzen mich an, eine junge, schöne Frau mit unendlich langen schwarzen Haaren ist aufgesprungen: Woher kennst du ihn?

Ich verlasse die Anklagebank und gehe auf sie zu. Hallo, sage ich, ich heiße Anna. Ich studiere auch an der Kunstuni, und mein Freund ist ein Freund von deinem Freund.

Sie beruhigt sich sofort und grinst. Ich heiße Angelika, sagt sie.

1981, Mai

Ich muss hier weg, sagt sie. Wir sitzen an der Donau und überdenken ihre Lage. Ihr Vater, ein bekannter Künstler, und ihre Mutter, katholische Katholikin, verbieten ihr den Umgang mit Saad. Ein Moslem kommt ihnen nicht ins Haus. Auch von mir halten ihre Eltern nichts, Kunststudentin eben.

Saad ist mit dem Studium fertig, sagt sie. Er bekommt einen Job in Wien. Aber das sage ich meinen Eltern nicht. Ich gehe auch nach Wien und sie freuen sich, weil sie glauben, dass ich Saad dann nicht mehr sehe.

1981, Oktober

Die Wiener Wohnung von Saad und Angelika verfügt über ein Gästezimmer. Ich bin gern in Wien.

Angelika und ich schlendern die Kärntner Straße entlang bis zum Stephansdom. Vielleicht trete ich zum Islam über, sagt sie und greift ins Weihwasserbecken.

1982, September

Sie ist wieder da, in Linz, wohnt in ihrem alten Zimmer im Haus ihrer Eltern und besucht die zweite Päd.Ak. der Stadt. Ich bemerke eine gewisse Tendenz zur sehr katholischen Katholikin in ihr.

Auf dem Schlossberg im Schatten. Wir sitzen im Gras und blicken zur Donau hinunter. Ich werde Klaus heiraten, sagt sie. Meine Eltern wollen das so. Er ist der Wunschschwiegersohn.

Davon halte ich nichts. Überhaupt nichts.

1983, Juni

Angelika winkt schon von weitem, als wir uns am Hauptplatz treffen. Lehramtsprüfung bestanden, beide, riesige Eisbecher zur Feier des Tages. Mit der Kunstuni bin ich fast fertig, ab September werde ich bei einer Menschenrechtsorganisation arbeiten. Die Welt steht mir offen und ist zum Umarmen da!

Angelika schaut mich traurig an. Ich ziehe im September nach Graz, sagt sie. Vorher heiraten wir. Damit verschwindet sie aus meinem Leben.

1988, August

Ich bin 27 und suche nach einem Buch im Geschäft. Hallo Anna, sagt ihre Stimme hinter mir.

Wir fallen einander um den Hals und es ist, als hätten wir uns vorgestern zum letzten Mal gesehen, nur dass wir uns mehr zu erzählen haben als sonst. Fünf Jahre mehr.

Schau mich an, merkt man schon, dass ich schwanger bin?, strahlt sie. Ihr Gastspiel in Graz hat nicht lange gedauert. Sie ist jetzt mit Saad verheiratet. Ein paar Jahre haben sie in Wien gelebt, vor einer Woche sind sie nach Linz übersiedelt.

Angelika ist wieder da. Aber ich habe einen Job in den USA angenommen. Diesmal verschwinde ich aus ihrem Leben.

1990, August

Ich schiebe den Kinderwagen mit meinem Sohn, eine Woche alt, durch die Neue Galerie der Stadt Linz. Eine Frau steht reglos vor einer Übermalung von Arnulf Rainer.

Hallo Angelika, sage ich.

1991, September

Einmal pro Woche in Jabbars Pizzeria in der Rathausgasse.

Wir ziehen wieder nach Wien, sagt sie und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Und wieder verschwindet sie aus meinem Leben, wenn wir auch eine Weile noch gelegentlich telefonieren.

2015, November

Im Cinematograph sitzen Angelikas Eltern. Sie erinnern sich an mich.

Angelika lebt seit 23 Jahren im Irak, erzählen sie. Sie hat drei erwachsene Kinder. Ja, sie ist immer noch mit Saad zusammen. Ihre ältere Tochter studiert in Wien, die jüngere hat selbst schon ein Kind. Angelika unterrichtet Deutsch am Goethe-Institut in Erbil.

Erbil?, frage ich und versuche mein Entsetzen zu verbergen. Ich dränge ihnen meine Visitenkarte auf.

2016, Jänner

Es ist mein 55. Geburtstag. Mein Handy läutet. Hallo Anna, sagt Angelikas Stimme.

Wir treffen uns im Cafe Mayr, fallen uns um den Hals und es ist wie immer. So, als hätten wir uns vorgestern das letzte Mal gesehen. 25 Jahre liegen dazwischen. Zehntausend Tage.

Du siehst so jung aus, sage ich.

Sie grinst. Das kommt, weil ich mit der großen Liebe meines Lebens verheiratet bin.

Dann erzählt sie. Wie Saad und sie damals mit den Kindern Österreich verlassen haben und in den Süden des Irak zu seiner Großfamilie gezogen sind. Wie sie dort gelebt, Arabisch gelernt und sich mit den Gegebenheiten arrangiert hat. Vom Krieg, als die amerikanischen Soldaten in der Nacht mit den Hunden kamen und in die Schlafzimmer der Menschen gingen. Das war furchtbar, sagt sie und erschauert.

Und davon, dass Kusinen und Kusins heiraten dürfen. Dass ihre jüngere Tochter von ihrem Kusin vergewaltigt wurde. Wie Angelika darauf bestand, dass sie wegzögen, und Saad nicht wusste, ob er sich für seine Frau oder für seine Herkunftsfamilie entscheiden sollte.

Dann zwischendurch ein Jahr in Jordanien. Wie gut es ihr im Norden des Irak in der Autonomen Region Kurdistan gefällt, dass sie dort als Frau viel freier leben kann als im Süden. Der wirtschaftliche Aufschwung, an dem sie teilhatten und es zu einem gewissen Wohlstand brachten. Ihr Job, den sie liebt, ihre Kinder, die sie liebt, und vor allem Saad, Saad und immer wieder und für immer Saad. Meine Eltern haben mich zu Unterwerfung und Gehorsam erzogen, sagt sie. Dadurch bin ich die optimale Frau für einen Araber geworden. Ich bin übrigens nicht zum Islam übergetreten. Aber katholisch bin ich auch nicht mehr, zumindest nicht mehr so sehr. – Dann lacht sie: Meine Schwiegersöhne heißen übrigens Mohammed und Ali.

Und ISIS?, frage ich.

Sie nickt und runzelt die Stirn. ISIS haben wir praktisch vor der Haustür, aber die sind harmlos im Vergleich zu dem, was uns die Amerikaner angetan haben. Ich denke an die Fernsehberichte und frage nicht weiter.

Und sie erzählt von Erbil, dessen Aufschwung jetzt darniederliegt. Die Zitadelle von Erbil ist der nachweislich am längsten durchgehend bewohnte Ort der Erde. Seit 8000 Jahren leben dort ständig Menschen. Die Kultur ihrer Heimat erfüllt sie mit Stolz.

Wir verabschieden uns. Übermorgen fliegt sie nach Hause. Sie kann es kaum erwarten.

Aber ich will dich nicht wieder verlieren, sagt sie. Wird sie nicht. Denn jetzt gibt es Handys und Internet. Die Welt steht uns offen und ist zum Umarmen da.

Als sie geht, dreht sie sich noch einmal um. Was hältst du davon, wenn wir uns nächstes Jahr in der Türkei treffen?, fragt sie.

Davon halte ich viel. Sehr sehr viel.

Harald Brachner: Ein letztes Mal

Der Applaus ist verklungen; er rieselt den schweren Vorhang entlang und sinkt still zu Boden. Er steht allein auf der Bühne; er, der Mann von La Mancha; er, der müde geworden ist vom Kampf, dem jahrelangen. Seine Kräfte sind aufgebraucht. Er ist keiner, der sie sich einteilen wollte – der war er niemals; immer mit offenem Visier und voller Kraft; keine halben Sachen – bedingungslos, ganz! Ob er Fehler gemacht hat? Er denkt darüber nach und nickt. Die Kräfte schwinden, minütlich verlassen sie seinen Körper. Er lehnt an der Windmühle aus Pappmaschee, blickt in die Leere. Er spürt, dass das heute seine letzte Vorstellung war.

Die letzte Vorstellung! Ein Gedanke mit dem er schon seit Jahren gerechnet hat – rechnen musste – nein, gelernt hat zu rechnen! Der, der jetzt kommt, der rechnet nicht, der zahlt nicht – der nimmt! In den verlassenen Rängen sucht er nach einem, der sitzen geblieben ist; mit ihm hier geblieben ist; ihm die Treue hält, über die letzte Vorstellung hinaus. Mit ihm diese Leere teilt, die den tosenden Applaus aufsaugt und ihn allein lässt in der letzten Rolle seines Lebens.

Die letzte Vorstellung! Ein Scheinwerfer wirft sein Licht auf ihn, umhüllt ihn – ahnungsschwer. Das Licht, es gleißt nicht mehr, es tröstet durch seinen weichen, milchigen Glanz. Seine Augen aber sind klar, der Blick, obwohl fragend, fest! Er geht einen Schritt. Beschwerlich knarrt es in den groben Dielen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, leiden mit ihm, im Takt seines noch schlagenden Herzens. Und wieder sucht er im Dunkel nach den Schatten, die ihn schon Jahre begleiten. Die Lanze liegt im Staub, die Kraft fehlt, sie zu heben. Der Kämpfer ist müde geworden. Zitternd bleibt er stehen; mitten auf der Bühne – bleibt er stehen.

Er streift sich den schweren Helm vom Kopf. Blechernd fällt er zu Boden, schaukelt ein wenig hin, und her; dann liegt er still, ganz still. Ein wenig gebückt steht er da, mit nach vorne gekippten Schultern und schlaff nach unten hängenden Armen. Er wankt. Doch dann geht ein Ruck durch seinen Körper! Er richtet sich auf. Mit Stolz will er dem letzten Besucher begegnen. Seinen schmalen Körper angespannt, dreht er sich um, verschwindet in der Kulisse; dann kommt er wieder.

Ein feines Lächeln umspielt seine Lippen. Der Federhut steht im gut. Er setzt das rechte Bein nach vorne, macht einen Kratzfuß, nimmt den Hut aus der Stirn, schwenkt ihn mit unglaublicher Grandeza in einem Halbkreis über den Boden, blickt ins Publikum; und bedankt sich. – Der Vorhang fällt, das Licht geht aus …

Ortwin Teibert: Das Rascheln der Wörter

Ich saß im Zug nach Wien. Vor dem Einsteigen hatte ich mir eine Tageszeitung besorgt, um Aktuelles aus dem Kulturteil zu erfahren.

Seit einiger Zeit musste ich allerdings beim Zeitungslesen äußerste Vorsicht walten lassen, da ich Gefahr lief auf außenpolitische Nachrichten allergisch zu reagieren. Solches Geschreibsel bestand, wie ich feststellte, oft aus tendenziösen Halbwahrheiten, um Bestimmtes zu erreichen.

Damit ich solche Artikel nicht unversehens zu Gesicht bekam, die normalerweise auf den ersten vier Seiten standen, begann ich die Zeitung von hinten aufzuschlagen.

Nach dem Lesen der Kulturberichte sprang mir aber beim neuerlichen Umblättern unverhofft eine dicke Schlagzeile ins Auge: NatoAufrüstung dient der Arbeitsplatzsicherung.

Diese Überschrift löste in mir eine sogenannte presslufthammerartige Schüttel-Attacke aus, sodass durch mein extremes Zittern die Worte ungebremst laut raschelnd aus der Zeitung heraus spritzten. Sie fielen auf meinen und des Nachbars Schoß, auf die Sitze und direkt zu Boden.

Dieses Geschehen veranlasste mich zu einer Entschuldigung beim Sitznachbarn, einem älteren Herrn: „Tut mir leid, dass ich Sie mit Wörter bekleckst habe. Hoffentlich waren keine allzu verdreckten dabei. Sie wissen ja bestimmt selbst, was für Mist heutzutage in Zeitungen steht. Hier, darf ich ihnen ein Taschentuch anbieten, zum Abwischen.“

„Nicht nötig“, meinte darauf der gute Mann. „Kann ja vorkommen. Mein Hemd streiften nur paar unbedeutende Wörter, keine schmutzigen. Das Wort Korruption und Atomschlag konnte ich augenblicklich mit der Hand von der Hose wegwischen. Die Hose kommt sowieso in die Wäsche. Das große fettgedruckte Wort Nato ist mir gottseidank zwischen den Beinen durchgefallen. Hoffentlich habe ich die Nato nicht schon zertreten.“

„So leicht lässt sich die Nato nicht zertreten“, entgegnete ich.

„Das Herausspritzen der Wörter trifft sich vielleicht ganz gut“, fuhr mein Mitreisender fort. „Ich würde nämlich das Wort Waldi brauchen. Mein Dackel Waldi ist leider kürzlich an Altersschwäche verstorben.“

„Mein Beileid! Ich würde Ihnen gerne helfen, aber das Wort Waldi, ist vielleicht gar nicht in der Zeitung gestanden.“

„Der Boden ist doch hier von einer Unmenge Wörter bedeckt, da müsste doch auch Waldi dabei sein.“

„Wir können ja danach schauen, vielleicht haben Sie Glück.“

Gemeinsam ließen wir uns also auf die Knie und krabbelten im Abteil umher, um die Worte wieder einzusammeln, hinein in den Plastiksack, wo vordem meine Jause drinnen war. Dabei hielten wir ständig Ausschau nach dem Wort Waldi.

Mitten darin kam der Zugkontrolleur. Ein junger Kerl, der uns schroff frug, was wir da am Boden suchten. „Den Waldi“, antwortete mein Begleiter. „Nur das Wort Waldi“, korrigierte ich ihn. Auf das hin wurden wir aufgefordert, sofort Platz zu nehmen, den Unsinn zu lassen und den Fahrschein vorzuzeigen. Was wir auch taten. Kopfschüttelnd verließ uns wieder der Kontrolleur.

„Es gibt immer wieder Menschen, die gewöhnliche Zusammenhänge nicht begreifen“, erklärte mir mein Nachbar und streckte mir die Hand entgegen. „Ich bin der Franz.“

„Ich bin der Jürgen.“ Dann schüttelten wir uns die Hände und begaben uns wieder zu Boden, um vielleicht doch noch Waldi aufzuspüren.

Plötzlich kam mir das Wort Vivaldi unter. Auf das hin sagte ich zu Franz: „Ich habe Vivaldi gefunden, aus dem Kulturteil, jedoch mit zweimal Vau geschrieben.“

„Das macht nichts, das passt! Meinem Waldi ist die Schreibweise sicher egal. Und Vi vor Valdi ist sogar besser als Waldi allein. Vivaldi ist perfekt, es ist ja sozusagen wie Waldi! Das nehme ich. In der Brusttasche wird es meine Trauer vertreiben.“

Mit dem Einsammeln waren wir kurz darauf fertig. In St.Pölten stieg Franz aus. Ein weiterer Fahrgast nahm Platz bei mir. Sein Blick ging neugierig auf das Titelbild der wortleeren Zeitung. Ich bot ihm an, sie zu nehmen. Er blätterte darin und äußerte sich dann erstaunt: „Da gibt’s nur Bilder, keinen Text.“

„Ja leider“, entgegnete ich. „Auf Grund einer Schüttelattacke sind mir die Worte heraus gefallen und befinden sich nun hier im Sackerl. Ich schenke Sie ihnen, zum Lesen.“

Auf das hinauf verließ mich der neue Gast fluchtartig und grußlos. Aber so sind die meisten heutzutage. Verständnis für etwas Außergewöhnliches kann man nur selten erwarten.