Archiv der Kategorie: Leseprobe

Vici Lunz: Beständiger Weg des Lebens


Die trüben Augen wandern über das Meer als wären sie auf der Suche nach etwas. Die Falten zerfurchen das Gesicht. Die Haut ist schlaff, das schlohweiße Haar zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. Ich versuche ihrem Blick zu folgen. Doch der wandert unentwegt am Horizont auf und ab.
„Das hier ist Glück“, sagt sie mit fester Stimme.
In dem hölzernen Gartenstuhl blickt sie majestätisch auf ihr „Königreich“ hinab. Auf die Bucht, über den steilen Abhang bis zu der Stelle, an der das Meer mit dem Himmel verschmilzt.
„Ich bin glücklich. Immerhin habe ich gelebt, ich habe viele Menschen getroffen, vieles ist passiert. Und wenn ich hier sitze, weiß ich, dass alles, was ich gesehen und erlebt habe, Schritte meines Weges hierher waren.“
Ich kann ihren Blick spüren, der nun auf mir ruht. Als ich mich ihr zuwende, blicke ich direkt in ihre Augen. Sie sind so blau wie das Meer unter uns. Immer noch ist sie schön. Keine verwelkte Schönheit, sondern eine veränderte.
„Glück ist nicht die Abwesenheit von Unglück. Es ist aber auch nicht das Erreichen von allem, was man sich wünscht.“
Wir sitzen schweigend nebeneinander. Ich denke nach, was Glück für mich ist
„Zuerst müssen wir zufrieden sein – mit uns selbst und dem Leben, das wir führen. Glück ist nicht ohne Zufriedenheit möglich. Wer immer das im Blick hat, was er nicht hat, wird niemals glücklich sein.“
Vielleicht muss man ein gewisses Alter erreichen, um zu erkennen, was wirkliches Glück ist, denke ich bei mir.
„Es ist aber auch eine Entscheidung glücklich zu sein.“ Sie lacht. „Wer unglücklich sein will, der ist es auch. Und wer nur glücklich sein will, der wird es auch nicht. Man muss schon wirklich entscheiden glücklich zu SEIN.“
Die Sonne taucht den Himmel und das Meer in ein zartes rot. Wie ein glühender Ball senkt sie sich auf das Meer hinab.
„Ich spüre immer noch das Salz auf meiner Haut, die Sonne in meinem Gesicht, höre die Tanzmusik und spüre die Hand des Burschen an meiner Hüfte – den Kuss auf meinen Lippen“, mit einem neckischen Lächeln wandert ihr Blick wieder in die Ferne. „Nichts hat sich verändert. Ich bin noch dieselbe – denke die gleichen Gedanken, habe die gleichen Ängste und Freuden. Und doch ist alles anders geworden.“
Mein Schweigen lässt sie weitersprechen. „Die Welt ist eine andere geworden – manchmal langsam, manchmal schneller. Ich bin alt geworden. Jeden Tag spüre ich es mehr. Alles ist beschwerlich geworden – sitzen, gehen, stehen. Aber ich bin immer noch ich. Wir werden alle alt, Schritt für Schritt. Keiner kann es aufhalten. Wir können versuchen uns zu wehren, aber es wird vergebens sein. Also bleibt uns nichts, als es zu akzeptieren – das Beste daraus zu machen.“
„Aber du scheinst mit dir im Reinen zu sein.“
Sie stößt ein verächtliches Schnauben aus. „Die Jungen denken immer, die Alten sind mit sich im Reinen – sind Weise geworden. Aber das ist nicht wahr.“
Bei den letzten Worten fixierte sie mich wieder mit ihrem Blick. Er ist so fest, dass ich ihm nicht standhalten kann.
„Auch ich hadere – mit dem Alter, mit der Welt, manchmal mit mir selbst. Ich weiß, wenn man jung ist, hadert man auch. Aber man kann noch Pläne machen, davon träumen die Welt zu verändern oder ganz einfach die eigenen Träume verwirklichen. Irgendwann plant man nicht mehr zu weit voraus, man weiß schließlich nicht, wie viel Zeit einem noch bleibt. Man weiß, dass sich die Welt nicht nach den eigenen Vorstellungen verändern wird, weil man zu oft gesehen hat, dass sie es nicht tut.“
Ich schweige wieder. Mein Blick ruht auf der Unendlichkeit des Meeres.
„Irgendwann hat man nichts mehr – keine Wünsche, keine Träume, keine Familie und keine Freunde. Die Träume haben sich in Luft aufgelöst. Die Wünsche sind alle erfüllt oder werden es nicht mehr werden. Freunde und Familie sind gestorben, Kinder weggegangen, um ihr eigenes Leben zu leben. Man ist allein. Wie ein Relikt aus vergangener Zeit, vom Tod vergessen.“
Sie seufzt und schweigt einen Augenblick. „Aber das klingt alles als wäre ich verbittert.“
Ich möchte in ihrem Gesicht lesen. Doch als ich sie ansehe, scheint es mir, das Lächeln eines jungen Mädchens zu erblicken – nur für einen Augenblick.
„Wir sind alle auf der Suche, wir sind Suchende – unser Leben lang. Erst wenn wir alt werden, werden wir zu Findern. Und wenn wir versuchen den anderen bei der Suche zu helfen, wollen sie nichts davon wissen. Aber das ist auch gut so, denn sie müssen jeden Schritt selbst gehen.“
Die Sonne ist nun fast im Meer versunken. Die Brise wird kühler.
„Kannst du mir eine Decke holen?“, bittet sie mich. Wieder versuche ich in ihren Augen zu erkennen, was sie mir eigentlich sagen will. Und wieder blitzt mir kurz der jugendliche Schalk entgegen, wie ich ihn von mir selbst kenne. Wortlos stehe ich auf und gehe ins Haus, begleitet von ihren Blicken.

*

Ich trete wieder in den Garten hinaus. Er liegt ganz still, während die Sonne den Himmel mit letzter Kraft in rotes Licht taucht, bevor sie ins Meer stürzt. Der Stuhl steht an derselben Stelle wie zuvor. Aber jetzt ist er leer – sie ist verschwunden.
Allein bleibe ich zurück. Eine Müdigkeit erfasst mich und ich lasse mich in den Sessel sinken. Unser Weg führt unweigerlich in die Zukunft, ins Alter – Schritt für Schritt. Erschöpft schließe ich die Augen. Begonnen hat es schon vor langer Zeit.

Helena Srubar: Summer of Love

Elsa verfolgte in den verbleibenden Tagen ihre eigenen Schritte. Sie lief Ort für Ort mit ihrer Kamera ab und verschoss täglich zwei Filme. Abends schob sie sie in die Originalpackungen zurück und steckte sie in ihre Reisetasche, die schon seit Sonntag gepackt war. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag verlief alles genau nach Plan. Daher erwischte sie der Zusammenbruch am Freitag völlig unerwartet.
Nach einem späten Frühstück bei Freunden am Peters-Platz machte sie sich auf den Weg zu ihrem Elternhaus. Dort fotografierte den Eingang, den Innenhof und von unten zum Balkon hinauf, von dem sie einst mit ihrem Kinderfreund Josef eine Vielzahl von Einmachgläsern in die Tiefe befördert hatte. Danach ging sie um die Ecke zu ihrer ehemaligen Grundschule, fotografierte auch diese, und arbeitete sich weiter voran bis zu ihrem Gymnasium, dem kleinen Park der ersten heimlichen Küsse, dem Café, in dem sie mit ihren Freundinnen immer Weißwein mit Sodawasser getrunken hatte, und zu der Ecke, wo sie und Eliška immer stundenlang stehen geblieben waren, wenn es eigentlich Zeit zum Nachhausegehen gewesen wäre.
Dann kam sie zu dem kleinen Einkaufsladen, und sie trat ein, um die vertrauten Lebensmittel ihrer Kindheit zu fotografieren. Außerdem hatte sie versprochen, für die Abschiedsfeier am Abend und die Autofahrt am nächsten Tag den nötigen Proviant zu besorgen. Doch wie sie die Regale abschritt und ihren Korb füllte, erfasste sie auf einmal eine eigenartige Beklemmung. Plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie kaufen sollte. Wie sollte sie sich für die ungarische Salami entscheiden und den Debreziner Schinken einfach zurücklassen? Und wie ein Stück Hermelín, wenn stattdessen das Glas mit den Utopenci zurückblieb?
Sie geriet in Panik. Für einen Moment musste sie sogar den Korb abstellen und sich an die Wand lehnen. Beruhige dich, es sind nur Lebensmittel, sagte sie sich und ging in einen anderen Gang hinüber. Doch dort wurde es noch schlimmer. Wie sollte sie da draußen bloß ohne ihren Himbeersirup überleben? Und ohne Fidorky? Ganz zu schweigen von Znojmer Gurken, Lučina und Chlebíčky?
Wie sie es schließlich schaffte, den Laden mit der nötigen Menge an Essen und Trinken zu verlassen, konnte sie später nicht mehr sagen. Sie erinnerte sich nur noch, dass sie bei jedem Stück, das sie in ihre Taschen gepackt hatte, verzweifelter geworden war.
Sie nahm die nächste Straßenbahn nach Hause, verstaute die Einkäufe und verließ die Wohnung sofort wieder, um mit dem Fotografieren fortzufahren. Aber auf einmal wusste sie nicht mehr, wo sie weitermachen sollte.
Ziellos irrte sie durch die Stadt, und bei jeder Straßenbahnhaltestelle, jeder Straßenecke, jedem Pflasterstein dachte sie: Nie wieder. Nie werde ich das alles hier wiedersehen, nie wieder spüren, wie es ist, im Regen auf die Nachttram zu warten, und nie wieder hören, wie ruhig es wird in den Straßen, wenn der erste Schnee fällt, und nie wieder sehen, wie abends der Himmel über der Moldau rosarot wird und die Möwen kreisen. Und über dem ständigen Lärm der Stadt erklingt ihr Kreischen, und über dem Hradschin wird es dunkel und die Lichter gehen an und werfen ihren Glanz auf das Wasser, und die Menschen eilen nach Hause, und nur sie, sie würde hier nie wieder irgendwohin eilen, und schon gar nicht nach Hause, denn das würde ab morgen ganz woanders sein.
Sie lief und lief und setzte sich auf eine Bank und schaute, dann lief sie weiter, bis sie überall gewesen war, noch einmal über die Karlsbrücke und die Kampa-Insel und zurück zum Nationaltheater und wieder über die Karlsbrücke und ins Kleinseitner Café auf einen letzten Kaffee mit Schlagobers, und der Kellner fragte, wie immer, Gnä Frau? und da kamen ihr auf einmal die Tränen, die sie nur mühsam unterdrückte, denn es durfte ja keiner wissen, dass sie heute zum letzten Mal hier war.
Und dann wieder zurück zu den Brückenfiguren, und hin und her, bis zum Einbruch der Dunkelheit, noch einmal dieses Schauspiel erleben, noch einmal, ein letztes Mal, und inzwischen ist die Kamera längst im Rucksack verstaut, denn hierbei kann sie ihr nicht mehr helfen, das alles wird sie so in ihrem Kopf behalten müssen, diese letzten Bilder, das warme Licht des ausklingenden Sommerabends, die Abendröte, die Dämmerung, die Möwen, die Geräusche, die Lichter, ich will bleiben, ich will bleiben, ich will bleiben. Die Zeit verfliegt, schnell ist es stockfinster, und dann bleibt nichts anderes mehr übrig, als nach Hause zu gehen. Sie will nicht, und doch muss sie, es geht nicht anders. Leb wohl, Brücke, leb wohl, Fluss, lebt wohl Türme, lebt wohl, Straßen, lebt wohl, Laternen, lebt wohl, Häuser, lebt wohl, Gehsteige, lebt wohl, alle zusammen, ich werde morgen nicht mehr hier sein, um euch zu begrüßen, ihr werdet bleiben, und ich werde mich verändern. ich werde nie wieder dieselbe sein, und ein Stück von mir bleibt für immer hier. Leb wohl, Hauseingang, lebt wohl, Stiegen, leb wohl, Glühbirne im dritten Stock, die immer kaputt ist, leb wohl Wohnungsschlüssel, der zum letzten Mal diese Tür aufschließt …
„Elsa, um Himmels Willen, wo bist du gewesen?“ Pepa, ihr Mann, stand aufgeregt vor ihr im Flur.
„Alles in Ordnung“, antwortete Elsa heiser. „Habe irgendwie die Zeit vergessen, hatte noch viel zu erledigen.“
„Was denn“, flüsterte ihr Pepa ins Ohr, während er sie mit verkrampftem Lächeln ins Wohnzimmer zog. „Was kann denn wichtiger sein als der letzte Abend im Kreis unserer Freunde?“
Doch dann blieb keine Zeit mehr für weitere Erklärungen. Sie wurde gedrückt, umarmt, alle hatten Tränen in den Augen, keiner traute sich, ihnen freien Lauf zu lassen, sie unterhielten sich über Belanglosigkeiten, versuchten zu scherzen, aber keinem wollte das Lachen recht gelingen. Trotzdem war es auf einmal nach Mitternacht, und der Abschied ließ sich nicht länger hinauszögern. Keiner wollte so richtig, keiner wusste, was er sagen sollte, also nahmen sie sich alle noch einmal in die Arme, und dann gingen sie. Wozu es unnötig in die Länge ziehen. Alle waren bedrückt, niemand mochte aussprechen, was alle dachten, wer weiß, ob wir uns wiedersehen, ist es wirklich die richtige Entscheidung, wir werden an euch denken, wir werden euch vermissen.
Die Tür fiel ins Schloss, Pepa und Elsa winkten noch aus dem Fenster, dann war es Zeit, ins Bett zu gehen, und auch das Ehepaar schwieg lieber miteinander weiter, als an das Unaussprechliche zu rühren, und Pepa drehte sich um und schlief ein, und Elsa hasste ihn für seinen guten Schlaf und dafür, dass er sie jetzt allein ließ. Wie gerne hätte sie diese letzte Nacht mit ihm gemeinsam durchwacht, bloß nicht einschlafen, sonst ist es gleich für immer vorbei. Sie lag da und kämpfte gegen den Schlaf, und dann übermannte er sie trotzdem.
Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten sie den Grenzübergang nach Österreich. Der Grenzbeamte sammelte ihre Pässe ein, verschwand mit ihnen im Gebäude und kam zwanzig Minuten lang nicht zurück. Währenddessen herrschte im Auto angespanntes Schweigen. Dann erschien er wieder. Pepa kurbelte das Fenster herunter, der Beamte reichte ihm die Pässe durch, die Schranke ging auf, und sie waren auf der anderen Seite.
„Wir haben es geschafft“, rief Pepa euphorisch und beschleunigte den Wagen. Elsa hingegen blieb stumm. Sie weinte lautlos.

© Helena Srubar

Helena Srubar: Prinzessin Lila und der Drache Brandeis

Es war einmal eine kleine Prinzessin mit dem Namen Lila, und Lila war auch ihre Lieblingsfarbe. Lila war klug und aufgeweckt, aber auch hübsch und zart, wie es eine Prinzessin zu sein hat. Sie hatte wunderschöne blonde Locken, doch statt sie artig frisiert zu tragen, waren sie meist zerzaust und etwas verknotet. Lila liebte es nämlich, wilde Spiele zu spielen, auf Bäume zu klettern und natürlich gegen Drachen zu kämpfen. Nicht gegen echte Drachen, die gab es ja leider nicht im Schlosspark. Aber gegen Dudu, den königlichen Hofhund beispielsweise, oder auch gegen den Kutscher Wilhelm, kurz gegen jeden, der bereit war, es mit Lila aufzunehmen.
„Ach“, dachte Lila oft, „warum musste ich bloß als Mädchen auf die Welt kommen. Ein Prinz darf in die Welt ziehen und so viel gegen Drachen kämpfen wie er will, aber ich muss hier im Schloss bleiben. Dabei weiß ich bestimmt viel mehr über Drachen als jeder andere.“
Und das stimmte. Lila wusste alles über Drachen. Sie konnte Feuerdrachen von Zauberdrachen unterscheiden, Wasserdrachen von Landdrachen und all ihre Mischformen. Und ihr allerliebster Lieblingsdrache war der bucklige Feuerspeier Brandeis, denn der war lila, vom Kopf bis zum Schwanz und bis unter den Bauch.
Leider fand Lilas Vater, der König, an ihrer Drachen-Leidenschaft nicht den geringsten Gefallen. „Eine anständige Prinzessin schlägt sich nicht mit Drachen herum, eine anständige Prinzessin wird von Drachen entführt und gerettet“, bekam sie von morgens bis abends zu hören, bis Lila eines Tages beschloss, allen das Gegenteil zu beweisen. Als Betteljunge verkleidet, die langen Locken unter einer grauen Mütze verborgen, verließ sie früh morgens das Schloss und begab sich auf Drachenjagd.
Nur wo sollte sie einen Drachen finden? Kurzerhand entschied sie, immer der Nase nach querfeldein zu gehen, und bis zum bis Abend hielt sie nicht ein einziges Mal inne. Als die Dämmerung heraufzog, machte sie sich ein Bett im Moos zurecht. Am nächsten Morgen wusch sie sich eilig in einem kleinen Bach, frühstückte eine Handvoll Heidelbeeren und setzte ihre Wanderung fort. Sie ging und ging, und bald wusste sie gar nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs war.
Eines Abends, als sie unter einer hohen Eiche rastete, knackte es auf einmal zwischen den Bäumen, und im nächsten Moment stand ein großer Junge vor ihr.
„Was machst du hier allein im Wald?“, fragte er. „Weißt du nicht, wie gefährlich das ist?“
„Warum denn?“, fragte Lila zurück.
„Weil hier nachts ein gefährlicher Drache sein Unwesen treibt.“
„Ein Drache, sagst du?“, rief Lila aufgeregt. „Das ist ja wunderbar! Dem werde ich gleich das Handwerk legen.“
Der Junge hatte da jedoch so seine Zweifel. „So ein kleines Bürschlein wie du hat doch gegen einen Drachen keine Chance“, sagte er spöttisch.
„Da sieht man eben, dass du von Drachen keine Ahnung hast“, gab Lila ungerührt zurück. „Hier geht es nicht um Kraft, sondern um Köpfchen, und ich weiß auch schon ganz genau, wie wir ihn einfangen. Also hör zu: Wir knoten ein riesiges Netz aus Spinnweben, das wir in den Bäumen aufhängen, und dann locken wir den Drachen in die Falle.“
„Aber die Spinnweben werden doch sofort zerreißen, wenn der Drache auch nur einmal mit den Flügeln schlägt.“
„Papperlapapp“, sagte Lila unwirsch. „Wenn sich ein Drache in Spinnweben verfängt, kann er sich nicht mehr bewegen, das weiß doch heutzutage jeder. Aber heute Nacht können wir ohnehin nichts mehr ausrichten. Am besten du kommst morgen früh wieder, und bringst so viele Kinder mit, wie du kannst.“
„Von mir aus“, gab sich ihr Gegenüber geschlagen. „Ich hole dich morgen früh ab, und dann sagen wir den anderen Kindern im Dorf Bescheid.“
Der Junge hielt Wort. Am nächsten Morgen ging er mit Lila von Tür zu Tür, und wenig später versammelten sich alle Kinder des Dorfes im Wald unter der hohen Eiche. Gespannt lauschten sie Lilas Plan, und dann schwärmten sie auch schon in alle Himmelsrichtungen aus, um nach den Spinnweben zu suchen.
Gegen Mittag hatten sie einen hohen Berg Spinnweben zusammengetragen, und nun setzten sie sich nieder und begannen, das Netz zu knüpfen. Sie knoteten und schnürten und schnürten und knoteten, das Netz wurde immer größer und dichter, und als es Abend wurde und in der Ferne im Dorf die Lichter angingen, rief Lila schließlich zufrieden:
„Wir haben es geschafft, das Netz ist fertig. Um zwölf Uhr nachts treffen wir uns hier alle wieder, und dann werden wir den Drachen gemeinsam fangen.“
Als sie um Mitternacht erneut im Wald zusammenkamen, kletterten die größten und geschicktesten Kinder in die Baumwipfel hinauf und spannten das Netz auf. Lila und die anderen befestigten die unteren Enden an Wurzeln und Sträuchern, und als das Werk vollbracht war, versammelte Lila alle Kinder hinter der riesigen Falle und sprach:
„Jetzt brauche ich noch einmal eure Hilfe. Wir müssen alle zusammen ein lautes Geschrei machen, um den Drachen anzulocken.“
Da brachen die Kinder in lautes Gebrüll und Geheul aus, so dass es bis weit über den Wald hinaus zu hören war. Eine Weile lang war geschah nichts. Aber dann, dann ertönte ein lautes Pfeifen, und ein mächtiger Feuerstrahl erleuchtete die Nacht.
Mit einem ohrenbetäubenden Knall krachte der Drache durch die Bäume. Zu spät bemerkte er die Falle, und im nächsten Moment sank er bewegungslos zu Boden.
Lila zündete eine Laterne an, um den Drachen näher in Augenschein zu nehmen.
Doch das, worauf ihr Licht fiel, war ja gar kein bösartiger Drache! Das war ja, und Lilas Herz machte einen Luftsprung vor Freude, das war ja der bucklige Feuerspeier Brandeis. Denn das riesige Tier, das da traurig vor ihr auf dem Boden lag, war von Kopf bis zur Schwanzspitze lila.
Die Prinzessin kniete sich neben dem Drachen nieder und befreite seinen Kopf aus dem Netz. Zärtlich strich sie ihm über den großen lilafarbenen Buckel. Da hob Brandeis sachte den Kopf und sah Lila dankbar an.
„Du bist das erste Kind, das keine Angst vor mir hat. Alle anderen fliehen vor mir, dabei will ich nur mit ihnen spielen. Ich bin nämlich ganz schrecklich einsam.“
„Und sie sind immer nur schreiend vor dir davon gelaufen“, antwortete Lila mitfühlend. „Aber jetzt hast du ja mich. Ich nehme dich einfach mit zu mir nach Hause, und wir können für immer Freunde sein.“
Lachend zog Lila ihre Mütze ab und schüttelte ihre blonde Lockenpracht.
„Du bist ein Mädchen?“, riefen die Kinder erstaunt, und Lila lachte noch mehr.
„Ja, und nicht nur das. Ich bin Prinzessin Lila, und in unserem Schlosspark ist mehr als genug Platz für einen Drachen.“
Da rissen die Kinder zusammen mit Lila die Spinnweben von Brandeis‘ Körper herunter, die Prinzessin kletterte auf seinen Rücken und der Drache schwang sich mit ihr in die Lüfte.
Und nun stellt euch vor, was passierte, als Lila mit ihrem neuen Freund, dem Drachen, ins Schloss zurückkehrte. Ihr werdet es kaum glauben: Ihr Papa, der König, war so außer sich vor Freude, sein Töchterchen wiederzusehen, dass er gar nichts dagegen hatte, von nun an mit einem großen lilafarbenen Drachen zusammenzuwohnen. Und wie stolz er auf einmal auf Lila war.
„Unsere kleine Tochter hat also das Dorf von dem Drachen befreit“, sagte er zur Königin, nachdem Lila ihnen alles erzählt hatte. „Was haben wir da nur für ein Prachtstück an Prinzessin herangezogen, Mutter, findest du nicht auch?“
So kam es, dass Lila ihren eigenen echten Drachen bekam, und der bucklige Feuerspeier Brandeis musste von nun an nie wieder einsam sein. Sie spielten und tollten den lieben langen Tag zusammen im Schlosspark herum, und wenn ihnen das zu langweilig wurde, flogen sie einfach in die Welt hinaus und erlebten allerhand Abenteuer. Aber davon, meine Lieben, erzähle ich euch ein anderes Mal.

© Helena Srubar

Andrea Heitz: Zukunftsweisend

Meine Schwiegermutter wird im kommenden September 92 Jahre alt. Somit ist es für mich höchst an der Zeit, von ihr zu erzählen, wobei ich das Wort Schwiegermutter gleich wieder streichen will, denn es klingt nach dünnen Lippen, neugierigen Telefonanrufen und gehäkelten Klopapierrollenverschönerungen.
Keines dieser Attribute passt zu Rosa. Über ihre Lippen kommt kein böses Wort, telefoniert wird nur im Notfall, denn das kostet ja und zum Häkeln hatte sie mit vier Kindern und einer kleinen Zimmervermietung für Feriengäste am Attersee ohnehin keine Zeit. Ihre Hände sind schwielig, von Arbeit gezeichnet und setzen einen starken Kontrast zu der sonst so zarten Statur. Aus dem nach wie vor fülligen Haar sprießt ihr Lebenswille, wächst weizengelbschimmernd dem Himmel entgegen, von wegen grau. Mit Haarspangen und Reifen versucht sie es zu bändigen, aber es passt zu sehr zu seiner Besitzerin.
Seit ungefähr fünfzehn Jahren, denn solange kenne ich mittlerweile ihren Sohn, meinen Mann und somit auch sie, spielen wir beide ein Spiel. Jedes Mal wenn wir zu Besuch kommen, fragt sie mich, ob ich etwas trinken möchte. „Ein Glas Wasser“, antworte ich. „Was, bloß ein Glas Wasser? Aber ich hätte auch Holunder- oder Himbeersaft im Keller!“ – kopfschüttelnd geht sie zum Schrank, holt ein Glas heraus und dreht den Wasserhahn auf. Habe ich das halbe Glas ausgetrunken, fragt sie noch einmal: „Magst nicht einen Saft hinein?“ – und ich verneine erneut. Es ist zu unserem Ritual geworden und ich würde mir ernsthafte Sorgen machen, wenn es einmal ausfiele.
Rosa, geboren 1914, gehört zur Kriegsgeneration. Sie weiß, was es heißt, sich die Erdäpfel für die Woche genau einzuteilen, den Bleistift zu einem kaum greifbaren Stummel zu spitzen und Holzreste im Wald zu sammeln, damit es zuhause ein bisschen warm wird. Sie versteht nicht, weshalb die Menschen heutzutage voll verpackte Lebensmittel weg schmeißen, das Licht stundenlange brennen lassen oder für einen Tag nach New York fliegen. Sie selber war einmal in ihrem Leben am Großglockner und damit basta.
Bei einem unserer Überraschungsbesuche vor circa drei Jahren entdeckte ich zwei mit Wasser gefüllte Kübel neben der Toilette, als ich mein Geschäft verrichtete. Zuerst dachte ich, die seien vom Putzen übrig geblieben. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Rosa deren Wasser, das aus der Regentonne stammte, wie ich später erfuhr, statt der Klospülung benutzte. Bei angekündigten Besuchen hatte sie diese Kübel immer versteckt. Aus Scham in dieser so verschwenderischen Welt nicht als geizig zu gelten? Circa zwölf Jahre lang hatte ich keine Ahnung von dieser Methode. Als ich meinen Mann Peter darauf ansprach, musste er lachen. Aber er hielt es für keine Schrulle seiner Mutter, für ihn war es ebenso normal. Im Grunde ist es der echter Wahnsinn, reinstes Trinkwasser zum Abtransport von Kot und Urin zu verwenden. Deshalb schleppte Rosa regelmäßig Regenwasser vom Garten in den ersten Stock. Und sie würde es bis heute tun, wenn ihr fortgeschrittenes Alter sie ließe.
Warum ich Euch das alles erzähle? Ein paar Anekdoten von einer Frau, die voller Vergangenheit ist? So gestrig sie auch sein mag. Ich bin fest davon überzeugt, dass in einem Teil ihrer auf den ersten Blick veralteten Weltanschauung unsere Zukunft liegt: im sparsamen Umgang mit den Ressourcen, im gezielten Nutzen dessen, was die Natur uns schenkt und in der Dankbarkeit für ein Stück frisches Brot mit Radieschen. Bis jetzt bin ich nur in der Frage des Durststillens noch bescheidener als sie.

© andrea heitz
11.06.2016

andrea heitz: geld und gier – oder ein i-horn kommt selten allein

fußgängerzone, mir um diese zeit am liebsten weil ohne fußgänger und gängerinnen. statt dessen müllfahrzeuge, kehrmaschinen, kleinlastwagen um den boden für die shoppinglämmer aufzubereiten. denn die trotten jeden tag brav zu diesem weidegrund um zu grasen, um sich nebenbei abscheren zu lassen bis auf die blanke haut. kreditkarte nennt sich das dafür nötige werkzeug. leicht reden hab ich, weil außerhalb des weidezauns gelandet, nicht ganz freiwillig, dafür frei von konsumzwängen, must haves und geizgeilem sabbern, was nicht heisst, dass ich´s leicht hab. würde auch dem hirtenhund werbung hinterherblöken, ein schaf unter vielen, wäre ich nicht ein schwarzes geworden. schaf meine ich. tief in den roten zahlen. vom lämmchen zur belämmerten bankkundin. schlecht beraten damals mit dem franken. wer hat ihnen denn den eingeredet? ach, gar nicht ihnen sondern ihrem mann. ex. mann. verzeihung. ja, der scheidungsstatistk geht´s besser als der zinsentwicklung. und sie. haben. mitunterschrieben. gebürgt? für die zahlung? schön oder auch nicht. und wo ist er jetzt? der ex? verzeihung, nein, bitte nicht weinen. ja, dann. dann, ja. wenn er nicht. zahlt. bleibt nichts. anderes übrig.
gestern blieben ein paar wechselgeldmünzen übrig, klimpern nun in meiner tasche. die kann ich heute gut brauchen, die wenigsten leute haben kleingeld bei sich, wenn sie mich mit der kupfermuckn stehen sehen. ich schwarzes schaf mitten unter den weißen. bei manchen blitzt es in den augen, wenn sie mich ansehen. kurz der gedanke: wie dünn die grenze ist zwischen schwarz oder weiß?
ja, aber hallo. was ist denn hier los? am boden lümmelnde menschen vor der einkaufspassage? mit matten, decken, schlafsäcken. ich wenn das tun würde, hätten sie mich längst verjagt. ist das eine demo? nein, keinerlei plakate und warum um diese zeit? alle schön in einer reihe bis zur bäckerei nach hinten. und es kommen ständig neue hinzu. mensch, der schorsch hat doch gestern, genau. die sind alle wegen dem dings da, dem neuen i-horn zehn oder wie das heisst. tatsächlich. legen sich bei dieser kälte in aller herrgottsfrüh auf die straße, um als erste den elektronikmarkt zu stürmen. das nenne ich einsatz. und ich stelle mich davor und halte ihnen die kupfermuckn unter die nase. das wird ein sinnloser tag. leute wie die sehen mich kaum. ihr zielstrebiger blick gleitet über mich hinweg. die geben zu viel geld auf einmal aus, da bleiben keine zwei euro mehr übrig. kleingeld hin oder her. aber vielleicht der eine oder andere kaffeebecher wenn sie reinstürmen. was gleich der fall sein wird. wenn mich nicht alles täuscht machen sie extra eine stunde früher auf. 7.56 uhr. die rollen schon ihre decken zusammen. der erste in der reihe hat ein mikro vor der nase: wie lange sind sie schon hier? will die wachswangige reporterin wissen. aber jetzt geht die tür auf und die antwort wird von los-geht´s- schritten zertrampelt. ich gehe in deckung, brauche keine ellenbögen in meiner magengegend. security steht auch rum. schon staut´s an der rolltreppe. viele recken die hälse, als würde sie das schneller voran bringen. geiz ist geil applaudiert eines von diesen digitalen werbedingern über der treppe. obwohl: wer 699 euro oder was das ding kostet für ein handy ausgibt, der ist mehr geil als geizig. was ich mit so viel geld machen würd? he, der dicke da, der rempelt das mädchen fast um. und der security mann sieht seelenruhig zu. dieser knacker in uniform ist auch für die würscht. ich hau ab, mir reichts. sollen die sich doch die köpfe. nur um jederzeit und überall online…. um jederzeit nachverfolgt zu werden, wofür sie sich wie lange interessieren, um wieder neue werbebotschaften zu erhalten. ja, zum zeitunglesen komm ich schon. obdachlos heißt nicht blöd in der birne. niemand hätte früher sein fenster sperrangelweit aufgerissen und sich splitternackt davor hingestellt. aber auf diese weise alles kein thema, ist das hip. schau, schau – tatsächlich ein kaffeebecher da hinten im eck. und eine liegengebliebene decke. bumm, greift sich die kuschelig an.
tolle stoffe gibt’s mittlerweile. viel weicher als die filzigen wolldecken bei uns in der schlafstelle, aber warm, hauptsache warm. ein bisschen auch noch der kaffee. mmmh, mit zucker. so nasche ich ein wenig mit beim konsumfest. und die ersten kommen schon raus, schicke weiß-goldene i-horn tüten am handgelenk schwingend. weihnachtsglitzern im gesicht. 40 tage davor. i-hornen sie sich ab sofort durch die gegend, transparent bis auf die knochen, aber ein röntgengerät würden sie nie kaufen. he, sieh mal an, das ist doch mein bankberater. der von damals. der außer einem taschentuch und einem schwitzigem händedruck keinerlei beratung für mich übrig hatte. auch er ein i-horn jünger. unter sektenverdacht kommen die nie? warum halt ich mir den kaffeebecher vors gesicht? dumme angewohnheit. der kennt mich seit dreitausend jahren nicht mehr. wer unter den hammer kommt verschwindet aus dem gedächtnis diverser bankangestellter. was mach ich mit der decke? ich bring sie hernach dem robert bei der info. vielleicht wird sie nach der i-horn-mania vermisst? oder gibt´s eine entsprechende app, die für warme füße sorgt? eine tschick liegt nirgendwo rum? die täte superbestens zum kaffee. maßlosigkeit steckt an. kein guter tag für die kupfermuckn. aber ich darf meinen standplatz nicht wechseln. wie die alle grinsen, sich an der reporterin vorbeischlängeln. die sich nun selbst interviewt, gute methode um die geeigneten antworten zu bekommen. der schorsch von der schlafstelle nennt sie jedesmal schneewittchen, wenn er sie in den nachrichten sieht. der muss immer oberösterreich heute schauen wenn er da ist. der menschenstrom reißt nicht ab. brave lämmchen. echt gut der kaffee. und da – mitten zwischen den schafen – ein gesicht, mein gesicht von vor zwanzig jahren. sie auch? auch sie? bekommt sie so viel geld von den pflegeeltern? oder begleitet sie nur eine freundin beim einkauf? schaut kurz her, oje, ob sie mich? nein, geht vorüber. diesmal war er wichtig der becher. wie groß sie geworden ist, nichts pausbackiges mehr. die haare glänzend wie frisch vom friseur. nein. sie hat mich nicht. erkannt. hier kaum vermutet. schlängelt sich mit der freundin richtung rolltreppe. ob sie das foto noch? das von ihrem fünften geburtstag? schokotorte mit schlag und hernach gekotzt auf das wohnzimmersofa. vertrug sich nicht mit dem popcorn und dem fanta. gut, dass der heinrich an dem nachmittag nicht da war. er hätte ihr sicher eine gescheuert. vielleicht war der franken doch zu was gut? sie schaut so komplett aus, vollständig, bereit für das leben. besser ich geh jetzt bevor sie raus kommt und mich doch noch erkennt.

07.05.2014
© andrea heitz