Archiv des Autors: autorinnenkreisfederspiel

Abendfrieden

Abends sitzen die müden Tauben in ihren rollenden Eisenstühlen.
Sie gurren nach Mutter Theresa.

Eilig flattert der weiße Kittel durch den Flur.
Aus dem Nachttopf sprudelt immerzu kalter Schweiß und heiße Not.
Die Isolation läuft die Gänge entlang und verteilt zimmerweise ihr Mitleid.

Was ihr dem geringsten tut, erzählt über eure eigene Wut!

Begegnung von seelenlosen Körpern
ist ein rachitisches Skelett.

Affengeschrei

ein Tropfen Mut dem Taubenherz
für den Gang über die Brücke zum Du

Abendfrieden


© Iris Hanousek-Mader 17.08.08 Karlsruhe/Waidhofen a. d. Ybbs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hühnerdieb

HuehnerdiebEr:  Er hat das Huhn gestohlen.

Sie: Was du nicht sagst. Es ist ein Ei!

Er:  Aus jedem Ei wird ein Huhn.

Sie: Wenn du meinst

Er: Aus einem Ei wird ein Huhn, das weiß doch jeder. Ein Ei ist der Bauplan, die Idee. Die Idee eines Hühnerlebens, denn ohne Plan, kein Gebäude, verstehst du.

Sie: Die Idee alleine macht noch kein Werk und schon gar kein Leben aus. Es ist der Prozess, der aus dem Ei ein Huhn formt. Die sozialen Bindungen zwischen Hahn und Henne. Die Bedingungen aus der Umwelt. Wie es aufwächst.

Stell dir vor, eine Henne läge ihr Ei auf heißem Asphalt.

Er:  Es verkäme zum Spiegelei.

Sie: Oder auf eine Eisscholle

Er: Es würde platzen.

Pause

Der Dieb verlässt die Szene. Er bemerkt es.

Der Dieb trägt das Ei fort, auf seiner Schulter.

Sie: Auf der Schulter? Schaut auf den Dieb. Da steht es schlecht ums Ei. Es wird auf den Boden fallen und zerbrechen.

Er:  Aus ist es mit dem Vogel. Der Bauer, dieser Gockel, hat den Dieb nicht bemerkt.

Sie: cool  Er hat hunderte Eier.

Er : Hühner, Hühner

Sie: Ah, zum Kuckuck mit dem Federvieh.

Der Dieb ist verschwunden.

Er: bemerkt es Der Dieb – ich kann ihn nicht mehr sehen.

Sie: cool Was meintest du?

Er: Über jedem Huhn schwebt ein Ei.

Sie: lächelt …so wird´s sein.

Ende

© Iris Hanousek-Mader 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anselm Eder: Emma

Emma hatte noch zu tun. Ihr seidener Schlafrock hing schon seit längerer Zeit unbenützt an der Schlafzimmertür. Schon lange hatte sie nicht mehr so richtig gefaulenzt, einfach nur so zu Hause, ohne was richtiges vorzuhaben, einfach chillen, wie man das neuerdings nennt. Ihr Roman war noch ein Stückwerk, da eine Idee, dort eine Notiz, nichts Ganzes, keine klaren Linien, keine erkennbare Gestalt. So saß sie wieder vor ihrem Computer. Sie hasste ihn schon, den alten Kasten. Irgendwas fehlte. Irgend eine zündende Idee. Nicht, dass ihr nix eingefallen wäre. Das schon. Feuerdrachen, die vom Himmel herabsteigen, plötzliche Risse, wenn die Erde sich auftut und die Helden in ihrem Roman verschlingen, oder noch besser, deren Feinde, die Bösen, Blitzschläge, Feuersbrünste, Morde, Terror, es gab genug. Aber – irgendwie was das alles nix. Sie wollte die Geschichte sorgfältig und liebevoll, wie ein feines Seidengespinst, zu einem wohldurchdachten Ende führen. Und das wollte halt so gar nicht gelingen. Schon seit Wochen hatte sie sich gezwungen, vor dem PC, diesem Blechtrottel, dem mittlerweile verhassten, sitzen zu bleiben. Diszipliniert, ja, das war sie schon. Aber halt eben – naja, die innere Struktur, wie gesagt, die Logik, die Aussage, auf die hin der Roman zu organisieren war, das war das Problem.

Emma legte sich in die Badewanne. Manchmal half das. Der Duft des Badesalzes kitzelte sie in der Nase, und von der Decke herab – aber nein. Kein Drachen. Das Badewasser prickelte leicht. Aber das war vom Badeschaum. Kein Vulkan, auch keine kleinen Erdgeister, überhaupt nix, was irgendwie mit Fantasie oder so, rein garnix. Es kam auch kein Märchenprinz, kein weißer Schimmel, keine Heerscharen von Vampiren, Geistern, Rittern, wirklich gar nichts dergleichen.

Also, der Held in ihrem Roman, das war ja schon eine recht interessante Figur. Er hieß Sigurd, so wie in diesen uralten Comic- hefterln, die hießen damals noch gar nicht Comics; Schundheftln sagten sie in der Schule dazu. Wie hießen die doch gleich in Wirklichkeit – na egal. Sigurd jedenfalls – trug zwar kein Schwert, spielt ja in der heutigen Zeit, der Roman, aber, wenn er ein Schwert getragen hätte, hätte gepasst. Hätte es wirklich. Er hätte alle erlöst, und vor allem: der Emma hätte er sicher gesagt, wie ihr Roman ausgegangen wäre. Zum Beispiel hätte er den Märchendrachen – also nein, Drachen kam ja keiner vor. Aber wenn der Sigurd ein Schwert gehabt hätte, dann hätte leicht auch ein Drachen vorkommen können. Das wäre dann der Drache gewesen, der in Emma’s Kopf die guten Ideen aufgefressen gehabt hätte. Und der Sigurd hätte dann dem Drachen den Kopf abgeschlagen und den Bauch ausgeräumt, und dann wären sie alle nur so herausgepurzelt, die guten Ideen. Zum Beispiel hätte irgend so ein vergammelter alter Zauberer den Sigurd verzaubert – also eben nicht verzaubert, weil ihn der Drache vorher gefressen hätte, aber dann, wenn der Sigurd dem Drachen den Kopf abgeschlagen gehabt hätte, dann wäre der Zauberer wieder herausgekommen, aus dem Drachenbauch, und hätte den Sigurd – aber dann hätte der Sigurd schnell dem Zauberer den Kopf abschlagen müssen, aber erst dem Drachen und dann schnell dem Zauberer, oder auch gar nicht dem Drachen, weil dann wäre der Zauberer gar nicht, also vielleicht doch kein Drachen, wegen dem vielen Blut im Badezimmer und damit dann nicht der Zauberer.

Langsam wurde das Badewasser kalt. Emma stieg heraus, trocknete sich ab und wickelte sich in den Bademantel. Für heute hörte sie auf mit Schreiben. Wieder hatte sie nix weitergebracht. Ein Jammer. Wie machte das bloß die Hilde, ihre Nachbarin von oberhalb? Die war auch eine Schriftstellerin. Eine erfolgreiche, sagte sie. Mit Disziplin, sagte sie, schafft man alles. Wenn man jeden Tag auch nur zwei Seiten schreibt, aber wirklich jeden Tag, eisern, dann hat man nach drei Monaten ein Buch zusammen. Und sie hatte ja wirklich alle drei Monate ein neues Buch fertig. Krimi, Liebesroman, alles mögliche. Sogar im Fernsehen kam es, als Serie, oder so. Emma brachte das halt leider nie zusammen. Wenn sie einmal nicht weiter wusste, dann ging gar nix mehr. Außer vielleicht irgend welche bescheuerten Drachen und Geister, aber die störten nur. Wer will denn schon heutzutage was von Drachen und Geistern lesen. Höchstens vielleicht es is was esoterisches. Aber Drachen, ich weiß nicht.

Emma legte sich ins Bett und schloss die Augen. Sigurd legte sich zu ihr und verging sich an ihr. Schon wieder so eine komplett bescheuerte Idee. Der Sigurd hatte sich, wenn überhaupt, an der Heldin im Roman zu vergehen, und das war nicht die Emma, sondern die hieß Bernarda. Und vergehen an ihr konnte er sich auch nicht, denn die zwei waren noch nicht so weit, miteinander. Also, der Sigurd hätte jetzt schon, eigentlich, aber die Bernarda war halt ein bisserl zickig. Wahrscheinlich deshalb hatte der Sigurd jetzt so einen Triebstau, dass er mit der Emma. Andererseits, was soll’s, dachte sie sich, er muss ja auch irgend einmal ding und so, also ließ sie ihn gewähren. War eigentlich, naja, hätte sie jetzt auch nicht gedacht, dass das gar so, aber gut.

Etwas erschöpft stieg der Sigurd aus ihrem Bett. „Ja jetzt – tut mir echt leid“, sagte er, „aber ich muss jetzt zurück in deinen Scheiß-Roman.“ Ob er nicht vielleicht noch ein bisserl bleibert, meinte sie, aber da war nix zu machen. Aber immerhin, wenigstens schlief sie ganz gut, in dieser Nacht.

Am nächsten Tag, als sie wieder vor ihrem PC saß, geschah die Katastrophe. Ein riesiger scheußlicher Drache kam, wie aus dem Nichts, und fraß, ganz ohne Grund, dramaturgisch völlig unmotiviert, unmöglich, fraß er die Bernarda auf, die Heldin im Roman. Der Sigurd stand plötzlich ganz allein da; seine Traurigkeit wirkte allerdings ein wenig künstlich. Aber sie dauerte eh nicht lang. Genau so plötzlich, völlig unerwartet und deshalb auch bescheuert, kam die Emma daher. Sie tröstete den Sigurd. Gleich mehrmals. Ein Wahnsinn, wie viel Trost der verkraften konnte. Länger und länger wurde der Roman, von einem Trost zum nächsten.

Die Literaturwissenschaftler sagten, dass das ein ziemlich schlechter Roman war. Schon komisch, dass ihn so viele Leute kauften. Emma beschloss jedenfalls: Im nächsten Roman kriegt der Sigurd ein Schwert.

(Aus: Die Seherin und die Herren in Schwarz. Wien, 2017)


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anselm Eder

Persönliches Motto

Niemals zu persönlich werden

Literarischer Lebenslauf

Literarisch läuft eigentlich nicht gar so viel; manchmal will eine Geschichte heraus, oder ein Gedicht, dann lässt mans halt heraus, macht ja nix.


Literarische Veröffentlichungen

Österreichische Amts- und Heimatmärchen, 1998
Nahe bei Nirgendwo, 2001
Die Seherin und die Herren in Schwarz, 2017
Alain Pfisterer’s Gedächtnis, 2017
33 Ultrakurzgeschichten, 2017

Persönliche Homepage

https://autorinnenkreisfederspiel.wordpress.com/2018/02/09/anselm-eder/

Emailadresse

anselm.eder@univie.ac.at

Kontaktdaten

Karmeliterhofgasse 2/1/6
1150 Wien

Leseprobe

„Emmaaus: die Seherin und die Herren in Schwarz, 2017)