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Vici Lunz: Beständiger Weg des Lebens


Die trüben Augen wandern über das Meer als wären sie auf der Suche nach etwas. Die Falten zerfurchen das Gesicht. Die Haut ist schlaff, das schlohweiße Haar zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. Ich versuche ihrem Blick zu folgen. Doch der wandert unentwegt am Horizont auf und ab.
„Das hier ist Glück“, sagt sie mit fester Stimme.
In dem hölzernen Gartenstuhl blickt sie majestätisch auf ihr „Königreich“ hinab. Auf die Bucht, über den steilen Abhang bis zu der Stelle, an der das Meer mit dem Himmel verschmilzt.
„Ich bin glücklich. Immerhin habe ich gelebt, ich habe viele Menschen getroffen, vieles ist passiert. Und wenn ich hier sitze, weiß ich, dass alles, was ich gesehen und erlebt habe, Schritte meines Weges hierher waren.“
Ich kann ihren Blick spüren, der nun auf mir ruht. Als ich mich ihr zuwende, blicke ich direkt in ihre Augen. Sie sind so blau wie das Meer unter uns. Immer noch ist sie schön. Keine verwelkte Schönheit, sondern eine veränderte.
„Glück ist nicht die Abwesenheit von Unglück. Es ist aber auch nicht das Erreichen von allem, was man sich wünscht.“
Wir sitzen schweigend nebeneinander. Ich denke nach, was Glück für mich ist
„Zuerst müssen wir zufrieden sein – mit uns selbst und dem Leben, das wir führen. Glück ist nicht ohne Zufriedenheit möglich. Wer immer das im Blick hat, was er nicht hat, wird niemals glücklich sein.“
Vielleicht muss man ein gewisses Alter erreichen, um zu erkennen, was wirkliches Glück ist, denke ich bei mir.
„Es ist aber auch eine Entscheidung glücklich zu sein.“ Sie lacht. „Wer unglücklich sein will, der ist es auch. Und wer nur glücklich sein will, der wird es auch nicht. Man muss schon wirklich entscheiden glücklich zu SEIN.“
Die Sonne taucht den Himmel und das Meer in ein zartes rot. Wie ein glühender Ball senkt sie sich auf das Meer hinab.
„Ich spüre immer noch das Salz auf meiner Haut, die Sonne in meinem Gesicht, höre die Tanzmusik und spüre die Hand des Burschen an meiner Hüfte – den Kuss auf meinen Lippen“, mit einem neckischen Lächeln wandert ihr Blick wieder in die Ferne. „Nichts hat sich verändert. Ich bin noch dieselbe – denke die gleichen Gedanken, habe die gleichen Ängste und Freuden. Und doch ist alles anders geworden.“
Mein Schweigen lässt sie weitersprechen. „Die Welt ist eine andere geworden – manchmal langsam, manchmal schneller. Ich bin alt geworden. Jeden Tag spüre ich es mehr. Alles ist beschwerlich geworden – sitzen, gehen, stehen. Aber ich bin immer noch ich. Wir werden alle alt, Schritt für Schritt. Keiner kann es aufhalten. Wir können versuchen uns zu wehren, aber es wird vergebens sein. Also bleibt uns nichts, als es zu akzeptieren – das Beste daraus zu machen.“
„Aber du scheinst mit dir im Reinen zu sein.“
Sie stößt ein verächtliches Schnauben aus. „Die Jungen denken immer, die Alten sind mit sich im Reinen – sind Weise geworden. Aber das ist nicht wahr.“
Bei den letzten Worten fixierte sie mich wieder mit ihrem Blick. Er ist so fest, dass ich ihm nicht standhalten kann.
„Auch ich hadere – mit dem Alter, mit der Welt, manchmal mit mir selbst. Ich weiß, wenn man jung ist, hadert man auch. Aber man kann noch Pläne machen, davon träumen die Welt zu verändern oder ganz einfach die eigenen Träume verwirklichen. Irgendwann plant man nicht mehr zu weit voraus, man weiß schließlich nicht, wie viel Zeit einem noch bleibt. Man weiß, dass sich die Welt nicht nach den eigenen Vorstellungen verändern wird, weil man zu oft gesehen hat, dass sie es nicht tut.“
Ich schweige wieder. Mein Blick ruht auf der Unendlichkeit des Meeres.
„Irgendwann hat man nichts mehr – keine Wünsche, keine Träume, keine Familie und keine Freunde. Die Träume haben sich in Luft aufgelöst. Die Wünsche sind alle erfüllt oder werden es nicht mehr werden. Freunde und Familie sind gestorben, Kinder weggegangen, um ihr eigenes Leben zu leben. Man ist allein. Wie ein Relikt aus vergangener Zeit, vom Tod vergessen.“
Sie seufzt und schweigt einen Augenblick. „Aber das klingt alles als wäre ich verbittert.“
Ich möchte in ihrem Gesicht lesen. Doch als ich sie ansehe, scheint es mir, das Lächeln eines jungen Mädchens zu erblicken – nur für einen Augenblick.
„Wir sind alle auf der Suche, wir sind Suchende – unser Leben lang. Erst wenn wir alt werden, werden wir zu Findern. Und wenn wir versuchen den anderen bei der Suche zu helfen, wollen sie nichts davon wissen. Aber das ist auch gut so, denn sie müssen jeden Schritt selbst gehen.“
Die Sonne ist nun fast im Meer versunken. Die Brise wird kühler.
„Kannst du mir eine Decke holen?“, bittet sie mich. Wieder versuche ich in ihren Augen zu erkennen, was sie mir eigentlich sagen will. Und wieder blitzt mir kurz der jugendliche Schalk entgegen, wie ich ihn von mir selbst kenne. Wortlos stehe ich auf und gehe ins Haus, begleitet von ihren Blicken.

*

Ich trete wieder in den Garten hinaus. Er liegt ganz still, während die Sonne den Himmel mit letzter Kraft in rotes Licht taucht, bevor sie ins Meer stürzt. Der Stuhl steht an derselben Stelle wie zuvor. Aber jetzt ist er leer – sie ist verschwunden.
Allein bleibe ich zurück. Eine Müdigkeit erfasst mich und ich lasse mich in den Sessel sinken. Unser Weg führt unweigerlich in die Zukunft, ins Alter – Schritt für Schritt. Erschöpft schließe ich die Augen. Begonnen hat es schon vor langer Zeit.

Victoria (Vici) Lunz

Persönliches Motto

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“.
Aristoteles

Literarischer Lebenslauf

Geboren 1991 in Linz habe ich schon in der Volksschule versucht die eine oder andere Geschichte zu Papier zu bringen.
Seitdem schreibe ich (mal mehr, mal weniger), vor allem Kurzgeschichten mit einer Vorliebe für Spannendes. Aber auch Geschichten für Kinder fließen manchmal aus meiner Feder oder besser gesagt Tastatur.

Seit 2020 schreibe ich auch wissenschaftsjournalistische Texte, unter anderem für die Zeitschriften alexandria Magazin und profil.

Literarische Veröffentlichungen

Pflanzenschutzmittel, profil 17, 25.April 2021
Kleinkrieg, profil 4, 24. Jänner 2021
Rita Levi-Montalcini: Künstlerin der Wissenschaft, alexandria Magazin 01, Winter 20/Frühling 21
Schmerzreizüberflutung, profil 43, 18.Oktober 2020

Persönliche Homepage

https://autorinnenkreisfederspiel.wordpress.com/2021/06/05/victoria-vici-lunz/

Emailadresse

vici.lunz@gmail,com

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Leseprobe

Beständiger Weg des Lebens

Werner Stangl: „Sie“ – Ein Diskurs

„Das meinen Sie doch nicht im Ernst?“
„Doch! Mein vollster Ernst! ‚Sie‛ entsteht allein in unserem Kopf!” klugte der Ältere beharrlich, während er mit sorgfältigen Bewegungen den braunen, angetrockneten Kaffeeschaum von der Innenseite seiner Kaffeetasse kratzte. „Allein dort!”
Er beiläufigte seinen Blick am Gegenüber vorbei durch das Fenster auf den regengrauen Pfarrplatz und ließ ihn an einer Passantin hängen, die wenig später das Café Meier betreten und nach einem kurzen Kampf mit ihrem Regenschirm in der Nähe der Männer Platz nehmen wird.
Der Jüngere der beiden bequemte sich inzwischen auf seinem Sessel und legte den Kopf auf die Faust seiner rechten Hand, die sich ihrerseits mit dem Ellbogen in der Handfläche seines linken Armes abstützte, die auf der nicht unansehnlichen Vorwölbung seines Bauches ruhte. Offensichtlich wollte er mit dieser Haltung seinen Kopf, in dem „Sie” sich nach der Aussage seines Gegenüber „im Ernst noch dazu“ befand, stützen. Auch der Ältere lehnte sich in seinem Sessel zurück, faltete dabei die Hände vor seinem Kinn, wobei sich nur die korrespondierenden Fingerspitzen der beiden Hände berührten und die Finger in der geraden Fortsetzung der Unterarme auf einer Linie lagen, so dass die auf der Sessellehne aufgestützten Hände ein großes „A” bildeten. Er wird diese Position während des gesamten Gespräches beibehalten bis zu dem Augenblick, in dem er auf die Uhr sehen wird, um das Gespräch zu beenden.
Beide inzwischten für einen Augenblick, als die zuvor vom Älteren beobachtete Frau den durch einen behandschrifteten Zettel offensichtlich für sie reservierten Tisch neben ihnen in Besitz nahm.
„Aber …”, plötzlichte der Jüngere mitten in diese Nische des gemeinsamen Schweigens im allgemeinen Kaffeehausgemurmel.
„Aber dann hat ja jeder eine andere in seinem Kopf!“
Er schüttelte seinen mit „Ihr“ angeblich gefüllten Kopf und ungläubigte: „Dann wäre ‚Sie‛ ja für den Einen Dies und für den Anderen Das. Es muss doch etwas Verbindliches geben, das dem einfachen Menschen sagt: Das ist eine und das ist keine!“
Der Ältere öffnete die gefalteten Hände fast wie beim Segen eines Priesters am Ende einer Messe und oberlehrerhaftete: „Das Verbindliche ist das grundsätzliche Problem, mit dem wir es in der Wissenschaft zu tun haben. Aber man hat sich in der Tradition auf einen Kanon geeinigt, der eine gewisse Zeit bewahrend weitergegeben und nur sehr langsam verändert wird.“
„Und wer tradiert und verändert?” ratloste der Jüngere, während er den noch immer durch seine Hand gestützten Kopf ein wenig mehr nach links neigte.
„Man muss sich an die Regeln halten! Die Regeln zuallererst!” vehementete sein Gegenüber. „Die Regeln!“
Der Ältere schloss dabei die geöffnete Stellung seiner Arme und nahm wieder die des großen „A” ein. Dann nachdenklichte er, beinahe zögernd: „Wir Wissenschaftler …“
Er nachdrücklichte eine kleine Pause und salbungsvollte: „Früher war ‚Sie‛ ein Zeichen für Gelehrsamkeit schlechthin und übernahm in den Debatten der gehobenen Schichten die Rolle der Religion.“
„Und die Abertausenden, die danach täglich greifen?” skeptischte der Jüngere. „Die kümmern sich doch nicht um die Regeln!“
„‚Sie‛ ist kein Massenphänomen!” elitierte der Ältere, „eher das Gegenteil! Was die Masse schätzt, gehört über kurz oder lang nicht dazu! Hier herrscht Prostitution an den Zeitgeist!“
Er machte eine Pause, öffnete einige Male das „A” seiner Arme ein wenig und schloss es wieder, als ob er damit die Endgültigkeit seiner Worte unterstreichen könnte. Dabei glitt sein Blick hinüber zu der Frau mit den langen blonden Haaren, die am Nebentisch in ihrer Tageszeitung von einer Seite zur nächsten geräuschvollte.

Wieder schwiegen die beiden eine Weile. Der Jüngere nippte an dem Glas, das neben seiner Kaffeetasse stand und inzwischen lauwarmes Wasser enthielt. Er pischwarmte dabei den Mund.
„Früher bekam man hier von Zeit zu Zeit frisches Wasser”, verächtlichte er den Verfall der Sitten.
„Früher …”, mildete der Ältere seufzend, was zu seinem bisherigen pastoralen Gesprächshabitus passte und sein Gegenüber daher nicht überraschte, „früher hatte man noch Stil!“
Wieder öffnete er die gefalteten Hände, dieses Mal eher entschuldigend denn segnend.
Der Jüngere nachdenklichte, den Gesprächsfaden wieder aufnehmend: „Ich war immer der Ansicht, dass ‚Ihr‛ Kanon im Wesentlichen im Gebrauch festgelegt wird.“
„Eine Abstimmung mit den Füßen? Das ist nicht Ihr Ernst!” heftigte der Ältere, dieses Mal, ohne die Position seiner Arme zu verändern, während sich die Empörung in seinen Augen verinnerlichte.
„‚Sie‛ war einst ein Synonym für Wissenschaften schlechthin! Aber diese Deutschen mit ihren Rübe-ab-Bedeutungseinengungen …”, verächtlichte der Ältere, während seine rechte Hand sich aus dem aufgestützten „A” löste und wie ein Henkersschwert in die gefährliche Nähe seines Wasserglases zuckte, das leergetrunken auf dem verkratzten, blechernen Tablett auf einer dünnen, durchweichten Serviette stand. „Dadurch lässt sich ‚Ihre‛ Bedeutung heute ja so schwer eingrenzen. Die einstmals hochstehende fachliche Diskussion ergeht sich in unseren Zeiten mehrheitlich in nutzlosen, wortklüngelnden Debatten über die verschiedensten Definitionen der Sache selbst”, lautete er so vehement, dass die Frau vom Nebentisch irritiert, beinahe kopfschüttelnd geblondet die Zeitung sinken ließ und zu ihnen herübersah.
„Wird nicht manchmal aus dem modischen Ausnahmefall irgendwann doch der Regelfall?” verbindlichte der Jüngere, um seine These weiterzuführen. „Ich denke da an …“
„In manchen nationalen Traditionssträngen ist ‚Sie‛ vielleicht im Kern Überlieferung – aber es gibt Grenzen, lieber Freund! Grenzen!” jovialte der Ältere, dieses Mal ohne eine Veränderung des „A„.
„Aber die Grenzen sind doch wie ‚Sie‛ selber auch nur in den Köpfen der Menschen, oder?” ironischte der Jüngere mit einem beinahe triumphierenden Nebenton, der dem Gegenüber nicht verborgen blieb.
„Das ist doch Sophismus, junger Freund, purer Sophismus! Wir reden hier von ‚Ihrer‛ Definition im „engen Sinn”, und die ist gegenstandsgemäß arbiträr und zirkulär angelegt”, vehementete er abermals. „Über das andere, was der Mann von der Straße darunter versteht, mag man in Talkshows streiten”, sänftigte er.
„Aber ist das nicht der Beweis dafür, dass ‚Sie‛ es bisher nicht einmal zuwege brachte, ihren Forschungsgegenstand klar zu definieren?“
„Au contraire! ‚Sie‛ ist doch selbst die Anbieterin des Streits um ‚Sie‛ geworden!“
„Doch längst ist es nicht mehr die Wissenschaft allein, in der ihr Diskurs stattfindet, sondern jede Interessensgruppe bringt heute ihre eigene Perspektive ein.“
„Und was bringen diese Debattierklubs der modernen Gesellschaft? Was bringt diese öffentliche Inszenierung? Diese Verbreiterung des Banalen? Diese …” hochnäsigte er.
„‚Sie‛ muss aber doch einen Streit über ‚Ihre‛ Rolle in der Gesellschaft zulassen, oder sind Sie da anderer Meinung?” demokratischte der Jüngere.
„Aber es ist doch Expertise notwendig, junger Mann!” gönnerhaftete der Ältere. „Expertise, die Sie doch zweifelsohne besitzen!“
„Ich bin nur gegen die Exklusivierung in den universitären Seminaren …” deutlichte der Jüngere.
„Davon halte ich auch nichts, denn eine gewisse Durchlässigkeit muss gegeben sein! Aber Wissenschaft ist heute ohnehin schon so öffentlich geworden, dass jede Putzfrau ihre Meinung dazu hat, und diese – horribile dictu – auch in einem Privatsender kundtun kann.“
„Sie halten die pluralistische Diskussion über ‚Sie‛ für gefährlich?“
„In gewissem Sinne ist alles durch einen Allerweltsdiskurs kaputtbar! Daher halte ich die staatliche Funktion des Diskursbeobachters für ganz wesentlich.“
„Sie reden der Zensur das Wort? Das ist doch wohl nicht ihr Ernst!“
„Wer redet von Zensur? Aber manches kann man einfach nicht der Demokratie überantworten. Wissenschaft schon gar nicht”, pathetischte er, während sein Blick abermals zu der blonden Frau am Nebentisch schweifte, die sich scheinbar unberührt vom Gespräch der beiden hinter ihrer Tageszeitung verrosate.
„Ihnen schwebt wohl der Diskurs in geschlossenen Zirkeln wie im 18. Jahrhundert vor, als Wettkämpfe veranstaltet wurden!“
„Innerhalb der scientific community macht ein Wettstreit der besten Ideen Sinn, solange es nicht im Inzest mündet.“
„Institutionalisierung ist auch eine Möglichkeit, etwas umzubringen”, zynischte der Jüngere.
„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen! Oder hängen Sie Poststrukturalisten wie Barthes an, denen Alles Alles ist? Wissenschaftler müssen heute dringender denn je, um nicht zu sagen notgedrungen, andere Wissenschaftler davon abhalten, im eigenen Forschungsfeld als Experten aufzutreten. Wenn man sein Territorium nicht absichert …“
Der Ältere blickte dabei auf die Uhr an seinem linken Handgelenk, ohne zunächst das „A” zu öffnen.
„Ich habe einen wichtigen Termin, Herr Kollege! Aber es findet sich sicherlich eine Gelegenheit, unser interessantes Gespräch fortzuführen.“
„Sie können mir ihre Antwort ja twittern!“
Die Augen des Älteren hielten nach dem Kellner Ausschau.
„Zahlen!” lautete der Jüngere. „Zahlen!“
Dieser gemächlichte sich herbei und fragte: „Im Ernst?“
Der Ältere warf einen seufzenden Blick zu der blonden Frau und öffnete das „A“ seiner Hände.

Der Jägermayrhof

Seit dem Jahr 2018 ist jetzt der Jägermayrhof in Linz unser neuer Treffpunkt, und zwar das Linzer-Stüberl. Der Jägermayrhof liegt am schönen Freinberg, von dem aus man eine wunderbare Aussicht über Linz hat.

jaegermayerhof

Das Hintergrundbild unserer Website ist nun die atemberaubende Buchskulptur im Foyer unseres neuen Quartiers.

buch-skulptur-jaegermayrhof-linz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dramolett: Auerhahn

Pius, der junge Jäger
Sie
Er
aus dem Lautsprecher ertönt Ferdls Stimme, der Schrei des Gänsegeiers , der Schrei des Auerhahns

Pius, der junge Jäger, klettert auf eine mächtige Fichte und hängt einen Lautsprecher auf. Er stellt das Gerät ein. Sein Handy läutet. Er holt es aus der Tasche und drückt auf Empfang.
Pius: Ja? Jetzt hängt der letzte Kasten. Schalt ein. Ja. Das wird einfahren bei den Touristen, da werden´s schau´n die Städter. Ein Pluspunkt mehr auf unserer Homepage. So an Wald wie wir hat keiner.
aus dem Lautsprecher: ertönt ein langgezogener Schrei eines Gänsegeiers.
Pius: verärgert Ja spinnst denn du Ferdl, ich habe gesagt, ich brauch den Schrei von einem Auerhahn nicht vom Gänsegeier, die gibt´s ja bei uns schon lange nicht mehr. Du rufst jetzt sofort beim Professor an und fragst ihn um die richtige CD. Hast mi?
aus dem Lautsprecher: ertönt Ferdls Stimme Ja
Pius: Das will ich meinen. Das erledigst du gleich, denn morgen ist es schon zu spät.
aus dem Lautsprecher: Ja
Ein Liebespaar kommt des Weges und grüßt den Förster der vom Baum steigt und sein Gewehr nimmt.
Er: Guten Tag
Sie: Hallo
Pius: Hängt sich sein Gewehr um und geht. Griaß eng.
Liebespaar: Sie warten bis der Jäger weg ist, dann beginnen sie sich zärtlich zu streicheln. Sie tauschen verliebte Blicke aus.
Sie: So ein schönes Platzerl. Sie lässt sich auf dem Waldboden nieder.
Er: setzt sich neben sie Ja und vor deinem Mann haben wir auch eine Ruh.
aus dem Lautsprecher: ertönt der Ruf eines Gänsegeiers.
Sie: ängstlich Hast du das gehört?
Er: fühlt sich gestört Den Vogel?
Sie: Den kenn ich nicht. Der muss hier irgendwo in der Nähe sitzen.
Er: Ein Zaungast vielleicht.
Sie: Pause Ist der gefährlich? Pause Sie blickt ängstlich auf ihn. Das hat sich angehört, als säße er dort im Ast.
Er: schaut Ich seh´ nichts. Es gibt oft Vögel die sich verlieren. Die Flüsse von heute haben sich verändert und deshalb kennen sie den Weg von oben nicht mehr und dann fliegen´s alle verkehrt.
Sie: Du und wann der krank ist?
Er: Geh bitte. Pause Er will sie streicheln und küssen. Sie ziert sich. Er gibt ihr Recht, damit er nicht länger gestört ist. Ja der klingt ein bisserl heiser.
Sie: Vielleicht hat ihn der Jäger abschießen wollen.
Er: Der ist geschützt. Das ist ein seltener Vogel, das hört man.
aus dem Lautsprecher: ertönt noch einmal der Schrei des Gänsegeiers.
Sie: Letzte Woche haben´s im Radio gesagt, dass wieder die Vogelgrippe ausgebrochen ist und die Henderln den Virus überall verbreitet haben. Die ist hoch ansteckend und gerade die Wildtiere im Wald sind gefährdet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Mensch ansteckt. Wirst schon sehen in ein paar Monaten tragen wir alle einen Mundschutz und müssen Impfen gehen. Die Ministerin hat schon LKW Ladungen von den Masken bestellt.
Er: Er seufzt, steht auf und unterbricht sie. Na, dann werde ich halt nach dem Vogel suchen und ihn verscheuchen, sonst sind wir umsonst hier herauf gestiegen. Sie grantelt ihn an.
Sie: Ich weiß du nimmst mich nicht ernst, aber das mit dem kranken Vogel kommt von der globalen Erwärmung.
Er: lacht Jetzt sei bitte nicht gleich eingeschnappt.
Sie: zu sich Ich habe kein gutes Gefühl. Sie ruft ihm nach. Bleib da! Ich will nicht alleine sein. Sie steht auf.
Er: beim Abgehen Was kann denn passieren, keiner weiß, dass wir hier sind. Ich bin in deiner Nähe Schatzl. Geht ab um den Vogel zu suchen.
Sie: sucht einen dicken Ast, spricht sich Mut zu So jetzt kommt mir keiner zu nahe.
aus dem Lautsprecher: Er hat sie nicht, aber ich werde sie schon kriegen.
Sie: Sie fährt auf und blickt suchend umher Hallo? Ist da wer? Pause Wer ist da?
aus dem Lautsprecher: Jetzt stirbst´. Ferdl lacht laut auf. Ha, ha… Man hört wie ein Gänsegeier schreit und sein Schrei abgewürgt wird. Gleich kommt der Auerhahn.
Sie: Hallo! Wer ist da? Sie gerät in Panik. Das ist kein Spaß mehr! Ich bin bewaffnet. Zeigen sie sich! —Sie beginnt hysterisch zu weinen und sie ruft nach ihrem Freund, sie wird dabei immer lauter, bis sie einen spitzen Schrei ausstößt. Als sie das Rascheln im Busch bemerkt, hebt sie den Ast mit beiden Händen auf und…
Er: Als er ihr Schreien hört, läuft er zurück und springt aus dem Busch und…
Der Schlag bricht ihm den Schädel. Der Freund sieht sie erstaunt an und fällt tot um.
Sie:. Nach und nach realisiert sie, was sie gemacht hat. Sie kniet sich auf den Boden und sieht nach, ob er noch atmet. Stille
Pius: Der Jäger kommt zurück gelaufen und erstarrt, als er die Leiche auf dem Waldboden sieht. Kann ich helfen? Jetzt erst realisiert er die Szene und blickt entsetzt auf sie. Was treiben´s denn da?
Sie: Sie lässt den Ast fallen. Sie stottert. Ich, ich, ich war´s net.
Pius: Er zielt mit dem Gewehr auf sie. Das kann jeder sagen. Lassen´s den Ast liegen.
Sie: Aber, ich, das ist ein Missverständnis.
Pius: So, so des seh´ ich aber anders.
Sie: Das war ein Unfall. Sie beginnt zu weinen.
Pius: Hat er sie unsittlich berührt?
Sie: Nein! Ihr wird schlecht und sie wankt. Ich habe ihn geliebt.
Pius: Haben sie ihn aus Eifersucht erschlagen.
Sie: Nein, ich bin verheiratet. Sieht auf die Leiche. Das ist mein Freund.
Pius: zeigt mit dem Gewehr auf einen kleinen Weg. Gehen´s, da auf den Weg.
Sie: Sie gehorcht ihm widerwillig.
Pius: Das hätt ich mir nicht ´dacht von ihnen. Sie zwei haben so nett…
Sie: unterbricht ihn So war es nicht. Ich…
Pius: Er deutet ihr mitzukommen und führt sie ab.
Nur mehr der Wald bleibt zurück. Stille
aus Lautsprecher: ertönt der Ruf des Auerhahns

 

© Iris Hanousek-Mader 20.08.2012 Waidhofen