Bettina Huber: Falsche Sicherheit

Kapitel 3 aus „Sicher kein Ort. Nirgends“

-Liebst du mich?
-Ja.
-Warum willst du dann nicht mit mir zusammen sein?
-Wir sind zusammen.
-Sind wir nicht.
-Du bist da, ich bin da, wir haben gevögelt … Na, sicher sind wir zusammen!
-Wir vögeln, wir essen, du schläfst in deiner Wohnung. Wir sind sicher nicht zusammen.
-Wie du weißt, bin ich verheiratet.
-Du könntest dich scheiden lassen.
-Das möchte ich nicht.
-Warum nicht?-Ich liebe meine Frau.
-Wie kannst du sie lieben und mit mir ins Bett gehen?
Er lächelte. -Das verstehst du nicht.
-Erklär es mir.
-Find es selber heraus!
-Du lügst mich an.
Er sah sie an. -Nein.
-Du machst mir was vor, weil es bequem ist für dich, eine kleine Geliebte zu haben.
Er packte sie am Hintern und zog sie heftig an sich.
-Du bist so eine süße kleine Geliebte, und ich mag dich so!
Als sie darauf nichts sagte, wühlte er sein Gesicht in ihr Haar.
-Mhm, du riechst gut!
Er schnupperte hinter ihrem Ohr, ihrem Hals und zog mit seiner Nase eine sanfte Linie hinunter bis zum Schlüsselbein. Mit den Lippen wanderte er zurück … Plötzlich, mit einer einzigen raschen Bewegung, leckte er ihr der Länge nach über den Hals. Sie schnaubte. Seine Augen funkelten.
-Soll ich weitermachen?
-Immer wenn es brenzlig für dich wird, weichst du aus. Aber dieses mal kriegst du mich nicht herum, das sag ich dir! Diesmal nagle ich dich fest, weil…
-Festnageln? Oh, ich lass mich gern von dir fest nageln!
-Sicher nicht!
-So?
Sie verbiss sich jeden weiteren Kommentar, machte sich steif und unnahbar. Als er nicht aufhörte, drehte sie sich auf den Bauch.
-Von hinten mag ich eh lieber!
Sie erwiderte nichts.
Er schob ihr Haar zur Seite, küsste sie in den Nacken und dann jeden Wirbel einzeln, den ganzen Rücken entlang.
-Das da ist meine Lieblingsstelle.
Er roch und leckte an der Stelle, und kreiste seinen Daumen darüber.
Sie dachte an Anatomie, topografische Anatomie. Regio lumbalis caudalis, also bei den Tieren, der Übergang von der Lenden- zur Schwanzwirbelsäule, mit der tiefen und oberflächlichen Muskulatur, den Blutgefäßen und Nervenbahnen des Rückenmarks, die hier verliefen, motorischen Nervenfasern und sensiblen, die, die Reize von der Hautoberfläche ins Gehirn leiteten und – sie seufzte – ihr ein Bild vor das innere Auge brachten, das zeigte, was er da gerade machte.
Er machte es gut, und nicht nur das, er machte es gut mit ihr. Er wusste mit Sicherheit, wo und wie er sie anfassen musste. Wie fest. Wo in welchem Moment. Sie brauchte ihm nicht zu sagen, hier oder da nicht. Und er war geduldig. Er streichelte sie mit Hingabe und alles, was sie ihm vorwarf, vergaß sie, wenn er das Vorspiel derart in die Länge zog, ohne ihr das Gefühl zu geben, er langweile sich.
Sein Gefühl für Rhythmen … War das eine Männersache? Oder hatte es mit Musikalität zu tun, die ihr leider so vollkommen fehlte? Musik, ja, das war es, was er da machte, mit wechselnden Tempi und akzentuierten Noten und … er änderte wieder seinen Rhythmus, womit er sie so wahnsinnig machte, dass sie plötzlich nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Lust. Ratlos verfolgte sie, wie ihr Höhepunkt unspektakulär verebbte, während er sich die letzten wilden Stöße gönnte.
Das war seine Schuld. Weil er das Gespräch vorhin abgewürgt hatte.
Sie verschnauften. Obwohl es draußen schon dunkel war, drückte die Hitze noch immer herein. Ohne das Licht einzuschalten ging er hinaus, und kam mit einem nassen Handtuch zurück. Er legte es ihr nacheinander auf den Rücken, die Beine und den Oberkörper, was eine herrlich prickelnde Kühle auf ihrer Haut hinterließ. Er warf Handtuch auf den Fußboden, und legte sich zu ihr.
-Du riechst so gut!
-Das glaub ich kaum.
-Warum nicht?
-Na, ja … wir haben grad gevögelt.
-Und?
-Na, das riecht doch … Das ist ekelhaft.
-Was ist ekelhaft? Ich?-Nein, du nicht. Du bist sicher nicht ekelhaft. Du bist schön.
-Was ist dann ekelhaft?
-Ist doch nicht so wichtig.
-Doch. Ich will es wissen. Sag’s mir.
-Ich … ich meine… das stinkt doch. Da unten.
-Was, das?
Er wühlte seine Finger hinein. Sie hatte noch Zeit festzustellen, dass er mit seinen Fingern wühlen konnte, ohne dass das unangenehm gewesen wäre, bevor er ihr seine Finger unter die Nase hielt. Sie schob seine Hand weg. Pfui!
Er roch ausgiebig an seinen nassen Fingern.
-Mhm, riecht gut.
Ihr fiel ein gewisser amerikanischer Präsident ein, der ähnliches von einer nassen Zigarre behauptet hatte.
-Du bist blöd!
-Nein, wieso? Das riecht halt so und ich mag es. Ich bin verrückt danach.
Hieß das, er mochte ihren Geruch, weil er sie mochte? Oder mochte er ganz allgemein den Geruch eines nassen Frauengeschlechts?
-Sag einfach Möse!
-Sicher nicht! Ich hasse dieses Wort.
Welches Wort ist dir lieber?
-Das Wort gibt es nicht.
-Muschi? Fut? Fotze?
-Hör auf!, schrie sie.
Er schwieg, und drückte sie an sich.
Sie genoss es, in seinen Armen zu liegen, und wünschte, es könnte immer so sein.
-Findest du mich ekelhaft?, fragte er.
-Nein, wieso sollte ich?
-Ich bin alt …
-Du übertreibst.
-Wirklich?
-Du bist ein schöner Mann … wie altes Gold. Vielleicht nicht mehr hochglänzend, dafür mit einem warmen, weichen Schimmer – wie eine Patina!
-Aha! Wie schmeichelhaft!
-Glaubst du mir nicht?
-Doch. Wenn du es sagst!
Er ließ sie nicht an sich heran. Das machte sie so wütend, dass sie begann, auf ihn einzureden. Sie suchte nach besseren, noch genaueren Worten, und je mehr sie über ihre Gefühle nachdachte, um so eifriger wurde sie, ihm deren Ernsthaftigkeit darzulegen. Sie redete und redete und redete, bis sie nicht mehr konnte.
-Ich liebe dich, sagte sie. Es klang wie ein Ergebnis, zu dem sie schon oft gekommen war. -Es gäbe kein größeres Glück für mich, als mit dir zusammen zu sein.
Sie hörte ihn im Finsteren lachen.
-Das glaub ich gern.
-Lass es uns versuchen!
-Nein.
-Manchmal weiß ich echt nicht, warum du überhaupt mit mir zusammen bist, außer zum Bumsen natürlich.
-Jedenfalls bumst du nicht schlecht.
-Warum sagst du das? Ich liebe dich und ich will mit dir zusammen sein. Für immer!
-Ich weiß nicht, was dann zwischen uns anders wäre.
-Was anders wäre? Wir gehörten zusammen! Ich wär ein Teil von dir und könnte dich nicht mehr verlieren. Ich wäre nicht mehr allein.
-Ich glaube, du hast eine naive Vorstellung von Beziehung.
-Was ist naiv, wenn man sich einen Hort der Geborgenheit schaffen will. Jeder braucht so einen Rückzugsort, das ist doch normal!
-Du hast doch deine Wohnung hier. Das ist dein Rückzugsort!
-Dieses eiskalte Loch, das völlig überteuert ist und für das ich mir die Heizungskosten vom Mund absparen muss?
-Na, übertreib nicht. Ich sponsere dich sehr gut.
-Du weißt genau, wie kalt es hier ist. Ein Grund, warum du im Winter zum Schlafen nach Hause gehst.
-Dafür bleib ich im Sommer länger. Weil es hier so schön kühl ist!
-Du machst dich lustig über mich.
Er seufzte.
-Wir wollen uns nichts vormachen, ja? Ich bin verheiratet, aber viel allein und dann mag ich ein nettes Mädchen zum Vögeln. Du bist hübsch und lässt dich bequem von einem reichen Mann aushalten. Das ist sicher beides unmoralisch, aber was soll’s?
-Es geht mir nicht um Moral, ich will ein Zuhause, ich will Sicherheit! Ich will einen Platz, wo ich hingehöre. An dem ich mich geborgen fühle, wo ich sein darf, wie ich bin, und wo mir nichts passiert.
-Und der Platz ist in meiner Wohnung?
So viel Zynismus konnte sie nicht ertragen.
-Dieser Platz ist bei dir.
Sie weinte.
-Ich will mit dir zusammenleben, das ist doch nichts, was unmöglich wäre! Es kann doch nicht sein, dass es nicht einen Menschen auf dieser Welt gibt, der mich bei sich haben will. Warum willst du mich nicht haben?
Als Antwort stand er auf, und kramte im finsteren Zimmer herum. Eine Gürtelschnalle klimperte.
-Was machst du?
-Ich geh nach Hause.
Sie schluckte betroffen.
-Wir wollten doch noch essen!
-Mir reicht’s.
Er zog sein Hemd an, steckte es in die Hose, schloß Knopf und Reißverschluss. Als er draußen Licht machte, um seine Schuhe anzuziehen, blieb sie im Bett. Er ging, ohne ein Wort zu sagen.