Helena Srubar: Summer of Love

Elsa verfolgte in den verbleibenden Tagen ihre eigenen Schritte. Sie lief Ort für Ort mit ihrer Kamera ab und verschoss täglich zwei Filme. Abends schob sie sie in die Originalpackungen zurück und steckte sie in ihre Reisetasche, die schon seit Sonntag gepackt war. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag verlief alles genau nach Plan. Daher erwischte sie der Zusammenbruch am Freitag völlig unerwartet.
Nach einem späten Frühstück bei Freunden am Peters-Platz machte sie sich auf den Weg zu ihrem Elternhaus. Dort fotografierte den Eingang, den Innenhof und von unten zum Balkon hinauf, von dem sie einst mit ihrem Kinderfreund Josef eine Vielzahl von Einmachgläsern in die Tiefe befördert hatte. Danach ging sie um die Ecke zu ihrer ehemaligen Grundschule, fotografierte auch diese, und arbeitete sich weiter voran bis zu ihrem Gymnasium, dem kleinen Park der ersten heimlichen Küsse, dem Café, in dem sie mit ihren Freundinnen immer Weißwein mit Sodawasser getrunken hatte, und zu der Ecke, wo sie und Eliška immer stundenlang stehen geblieben waren, wenn es eigentlich Zeit zum Nachhausegehen gewesen wäre.
Dann kam sie zu dem kleinen Einkaufsladen, und sie trat ein, um die vertrauten Lebensmittel ihrer Kindheit zu fotografieren. Außerdem hatte sie versprochen, für die Abschiedsfeier am Abend und die Autofahrt am nächsten Tag den nötigen Proviant zu besorgen. Doch wie sie die Regale abschritt und ihren Korb füllte, erfasste sie auf einmal eine eigenartige Beklemmung. Plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie kaufen sollte. Wie sollte sie sich für die ungarische Salami entscheiden und den Debreziner Schinken einfach zurücklassen? Und wie ein Stück Hermelín, wenn stattdessen das Glas mit den Utopenci zurückblieb?
Sie geriet in Panik. Für einen Moment musste sie sogar den Korb abstellen und sich an die Wand lehnen. Beruhige dich, es sind nur Lebensmittel, sagte sie sich und ging in einen anderen Gang hinüber. Doch dort wurde es noch schlimmer. Wie sollte sie da draußen bloß ohne ihren Himbeersirup überleben? Und ohne Fidorky? Ganz zu schweigen von Znojmer Gurken, Lučina und Chlebíčky?
Wie sie es schließlich schaffte, den Laden mit der nötigen Menge an Essen und Trinken zu verlassen, konnte sie später nicht mehr sagen. Sie erinnerte sich nur noch, dass sie bei jedem Stück, das sie in ihre Taschen gepackt hatte, verzweifelter geworden war.
Sie nahm die nächste Straßenbahn nach Hause, verstaute die Einkäufe und verließ die Wohnung sofort wieder, um mit dem Fotografieren fortzufahren. Aber auf einmal wusste sie nicht mehr, wo sie weitermachen sollte.
Ziellos irrte sie durch die Stadt, und bei jeder Straßenbahnhaltestelle, jeder Straßenecke, jedem Pflasterstein dachte sie: Nie wieder. Nie werde ich das alles hier wiedersehen, nie wieder spüren, wie es ist, im Regen auf die Nachttram zu warten, und nie wieder hören, wie ruhig es wird in den Straßen, wenn der erste Schnee fällt, und nie wieder sehen, wie abends der Himmel über der Moldau rosarot wird und die Möwen kreisen. Und über dem ständigen Lärm der Stadt erklingt ihr Kreischen, und über dem Hradschin wird es dunkel und die Lichter gehen an und werfen ihren Glanz auf das Wasser, und die Menschen eilen nach Hause, und nur sie, sie würde hier nie wieder irgendwohin eilen, und schon gar nicht nach Hause, denn das würde ab morgen ganz woanders sein.
Sie lief und lief und setzte sich auf eine Bank und schaute, dann lief sie weiter, bis sie überall gewesen war, noch einmal über die Karlsbrücke und die Kampa-Insel und zurück zum Nationaltheater und wieder über die Karlsbrücke und ins Kleinseitner Café auf einen letzten Kaffee mit Schlagobers, und der Kellner fragte, wie immer, Gnä Frau? und da kamen ihr auf einmal die Tränen, die sie nur mühsam unterdrückte, denn es durfte ja keiner wissen, dass sie heute zum letzten Mal hier war.
Und dann wieder zurück zu den Brückenfiguren, und hin und her, bis zum Einbruch der Dunkelheit, noch einmal dieses Schauspiel erleben, noch einmal, ein letztes Mal, und inzwischen ist die Kamera längst im Rucksack verstaut, denn hierbei kann sie ihr nicht mehr helfen, das alles wird sie so in ihrem Kopf behalten müssen, diese letzten Bilder, das warme Licht des ausklingenden Sommerabends, die Abendröte, die Dämmerung, die Möwen, die Geräusche, die Lichter, ich will bleiben, ich will bleiben, ich will bleiben. Die Zeit verfliegt, schnell ist es stockfinster, und dann bleibt nichts anderes mehr übrig, als nach Hause zu gehen. Sie will nicht, und doch muss sie, es geht nicht anders. Leb wohl, Brücke, leb wohl, Fluss, lebt wohl Türme, lebt wohl, Straßen, lebt wohl, Laternen, lebt wohl, Häuser, lebt wohl, Gehsteige, lebt wohl, alle zusammen, ich werde morgen nicht mehr hier sein, um euch zu begrüßen, ihr werdet bleiben, und ich werde mich verändern. ich werde nie wieder dieselbe sein, und ein Stück von mir bleibt für immer hier. Leb wohl, Hauseingang, lebt wohl, Stiegen, leb wohl, Glühbirne im dritten Stock, die immer kaputt ist, leb wohl Wohnungsschlüssel, der zum letzten Mal diese Tür aufschließt …
„Elsa, um Himmels Willen, wo bist du gewesen?“ Pepa, ihr Mann, stand aufgeregt vor ihr im Flur.
„Alles in Ordnung“, antwortete Elsa heiser. „Habe irgendwie die Zeit vergessen, hatte noch viel zu erledigen.“
„Was denn“, flüsterte ihr Pepa ins Ohr, während er sie mit verkrampftem Lächeln ins Wohnzimmer zog. „Was kann denn wichtiger sein als der letzte Abend im Kreis unserer Freunde?“
Doch dann blieb keine Zeit mehr für weitere Erklärungen. Sie wurde gedrückt, umarmt, alle hatten Tränen in den Augen, keiner traute sich, ihnen freien Lauf zu lassen, sie unterhielten sich über Belanglosigkeiten, versuchten zu scherzen, aber keinem wollte das Lachen recht gelingen. Trotzdem war es auf einmal nach Mitternacht, und der Abschied ließ sich nicht länger hinauszögern. Keiner wollte so richtig, keiner wusste, was er sagen sollte, also nahmen sie sich alle noch einmal in die Arme, und dann gingen sie. Wozu es unnötig in die Länge ziehen. Alle waren bedrückt, niemand mochte aussprechen, was alle dachten, wer weiß, ob wir uns wiedersehen, ist es wirklich die richtige Entscheidung, wir werden an euch denken, wir werden euch vermissen.
Die Tür fiel ins Schloss, Pepa und Elsa winkten noch aus dem Fenster, dann war es Zeit, ins Bett zu gehen, und auch das Ehepaar schwieg lieber miteinander weiter, als an das Unaussprechliche zu rühren, und Pepa drehte sich um und schlief ein, und Elsa hasste ihn für seinen guten Schlaf und dafür, dass er sie jetzt allein ließ. Wie gerne hätte sie diese letzte Nacht mit ihm gemeinsam durchwacht, bloß nicht einschlafen, sonst ist es gleich für immer vorbei. Sie lag da und kämpfte gegen den Schlaf, und dann übermannte er sie trotzdem.
Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten sie den Grenzübergang nach Österreich. Der Grenzbeamte sammelte ihre Pässe ein, verschwand mit ihnen im Gebäude und kam zwanzig Minuten lang nicht zurück. Währenddessen herrschte im Auto angespanntes Schweigen. Dann erschien er wieder. Pepa kurbelte das Fenster herunter, der Beamte reichte ihm die Pässe durch, die Schranke ging auf, und sie waren auf der anderen Seite.
„Wir haben es geschafft“, rief Pepa euphorisch und beschleunigte den Wagen. Elsa hingegen blieb stumm. Sie weinte lautlos.

© Helena Srubar