Helena Srubar: Prinzessin Lila und der Drache Brandeis

Es war einmal eine kleine Prinzessin mit dem Namen Lila, und Lila war auch ihre Lieblingsfarbe. Lila war klug und aufgeweckt, aber auch hübsch und zart, wie es eine Prinzessin zu sein hat. Sie hatte wunderschöne blonde Locken, doch statt sie artig frisiert zu tragen, waren sie meist zerzaust und etwas verknotet. Lila liebte es nämlich, wilde Spiele zu spielen, auf Bäume zu klettern und natürlich gegen Drachen zu kämpfen. Nicht gegen echte Drachen, die gab es ja leider nicht im Schlosspark. Aber gegen Dudu, den königlichen Hofhund beispielsweise, oder auch gegen den Kutscher Wilhelm, kurz gegen jeden, der bereit war, es mit Lila aufzunehmen.
„Ach“, dachte Lila oft, „warum musste ich bloß als Mädchen auf die Welt kommen. Ein Prinz darf in die Welt ziehen und so viel gegen Drachen kämpfen wie er will, aber ich muss hier im Schloss bleiben. Dabei weiß ich bestimmt viel mehr über Drachen als jeder andere.“
Und das stimmte. Lila wusste alles über Drachen. Sie konnte Feuerdrachen von Zauberdrachen unterscheiden, Wasserdrachen von Landdrachen und all ihre Mischformen. Und ihr allerliebster Lieblingsdrache war der bucklige Feuerspeier Brandeis, denn der war lila, vom Kopf bis zum Schwanz und bis unter den Bauch.
Leider fand Lilas Vater, der König, an ihrer Drachen-Leidenschaft nicht den geringsten Gefallen. „Eine anständige Prinzessin schlägt sich nicht mit Drachen herum, eine anständige Prinzessin wird von Drachen entführt und gerettet“, bekam sie von morgens bis abends zu hören, bis Lila eines Tages beschloss, allen das Gegenteil zu beweisen. Als Betteljunge verkleidet, die langen Locken unter einer grauen Mütze verborgen, verließ sie früh morgens das Schloss und begab sich auf Drachenjagd.
Nur wo sollte sie einen Drachen finden? Kurzerhand entschied sie, immer der Nase nach querfeldein zu gehen, und bis zum bis Abend hielt sie nicht ein einziges Mal inne. Als die Dämmerung heraufzog, machte sie sich ein Bett im Moos zurecht. Am nächsten Morgen wusch sie sich eilig in einem kleinen Bach, frühstückte eine Handvoll Heidelbeeren und setzte ihre Wanderung fort. Sie ging und ging, und bald wusste sie gar nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs war.
Eines Abends, als sie unter einer hohen Eiche rastete, knackte es auf einmal zwischen den Bäumen, und im nächsten Moment stand ein großer Junge vor ihr.
„Was machst du hier allein im Wald?“, fragte er. „Weißt du nicht, wie gefährlich das ist?“
„Warum denn?“, fragte Lila zurück.
„Weil hier nachts ein gefährlicher Drache sein Unwesen treibt.“
„Ein Drache, sagst du?“, rief Lila aufgeregt. „Das ist ja wunderbar! Dem werde ich gleich das Handwerk legen.“
Der Junge hatte da jedoch so seine Zweifel. „So ein kleines Bürschlein wie du hat doch gegen einen Drachen keine Chance“, sagte er spöttisch.
„Da sieht man eben, dass du von Drachen keine Ahnung hast“, gab Lila ungerührt zurück. „Hier geht es nicht um Kraft, sondern um Köpfchen, und ich weiß auch schon ganz genau, wie wir ihn einfangen. Also hör zu: Wir knoten ein riesiges Netz aus Spinnweben, das wir in den Bäumen aufhängen, und dann locken wir den Drachen in die Falle.“
„Aber die Spinnweben werden doch sofort zerreißen, wenn der Drache auch nur einmal mit den Flügeln schlägt.“
„Papperlapapp“, sagte Lila unwirsch. „Wenn sich ein Drache in Spinnweben verfängt, kann er sich nicht mehr bewegen, das weiß doch heutzutage jeder. Aber heute Nacht können wir ohnehin nichts mehr ausrichten. Am besten du kommst morgen früh wieder, und bringst so viele Kinder mit, wie du kannst.“
„Von mir aus“, gab sich ihr Gegenüber geschlagen. „Ich hole dich morgen früh ab, und dann sagen wir den anderen Kindern im Dorf Bescheid.“
Der Junge hielt Wort. Am nächsten Morgen ging er mit Lila von Tür zu Tür, und wenig später versammelten sich alle Kinder des Dorfes im Wald unter der hohen Eiche. Gespannt lauschten sie Lilas Plan, und dann schwärmten sie auch schon in alle Himmelsrichtungen aus, um nach den Spinnweben zu suchen.
Gegen Mittag hatten sie einen hohen Berg Spinnweben zusammengetragen, und nun setzten sie sich nieder und begannen, das Netz zu knüpfen. Sie knoteten und schnürten und schnürten und knoteten, das Netz wurde immer größer und dichter, und als es Abend wurde und in der Ferne im Dorf die Lichter angingen, rief Lila schließlich zufrieden:
„Wir haben es geschafft, das Netz ist fertig. Um zwölf Uhr nachts treffen wir uns hier alle wieder, und dann werden wir den Drachen gemeinsam fangen.“
Als sie um Mitternacht erneut im Wald zusammenkamen, kletterten die größten und geschicktesten Kinder in die Baumwipfel hinauf und spannten das Netz auf. Lila und die anderen befestigten die unteren Enden an Wurzeln und Sträuchern, und als das Werk vollbracht war, versammelte Lila alle Kinder hinter der riesigen Falle und sprach:
„Jetzt brauche ich noch einmal eure Hilfe. Wir müssen alle zusammen ein lautes Geschrei machen, um den Drachen anzulocken.“
Da brachen die Kinder in lautes Gebrüll und Geheul aus, so dass es bis weit über den Wald hinaus zu hören war. Eine Weile lang war geschah nichts. Aber dann, dann ertönte ein lautes Pfeifen, und ein mächtiger Feuerstrahl erleuchtete die Nacht.
Mit einem ohrenbetäubenden Knall krachte der Drache durch die Bäume. Zu spät bemerkte er die Falle, und im nächsten Moment sank er bewegungslos zu Boden.
Lila zündete eine Laterne an, um den Drachen näher in Augenschein zu nehmen.
Doch das, worauf ihr Licht fiel, war ja gar kein bösartiger Drache! Das war ja, und Lilas Herz machte einen Luftsprung vor Freude, das war ja der bucklige Feuerspeier Brandeis. Denn das riesige Tier, das da traurig vor ihr auf dem Boden lag, war von Kopf bis zur Schwanzspitze lila.
Die Prinzessin kniete sich neben dem Drachen nieder und befreite seinen Kopf aus dem Netz. Zärtlich strich sie ihm über den großen lilafarbenen Buckel. Da hob Brandeis sachte den Kopf und sah Lila dankbar an.
„Du bist das erste Kind, das keine Angst vor mir hat. Alle anderen fliehen vor mir, dabei will ich nur mit ihnen spielen. Ich bin nämlich ganz schrecklich einsam.“
„Und sie sind immer nur schreiend vor dir davon gelaufen“, antwortete Lila mitfühlend. „Aber jetzt hast du ja mich. Ich nehme dich einfach mit zu mir nach Hause, und wir können für immer Freunde sein.“
Lachend zog Lila ihre Mütze ab und schüttelte ihre blonde Lockenpracht.
„Du bist ein Mädchen?“, riefen die Kinder erstaunt, und Lila lachte noch mehr.
„Ja, und nicht nur das. Ich bin Prinzessin Lila, und in unserem Schlosspark ist mehr als genug Platz für einen Drachen.“
Da rissen die Kinder zusammen mit Lila die Spinnweben von Brandeis‘ Körper herunter, die Prinzessin kletterte auf seinen Rücken und der Drache schwang sich mit ihr in die Lüfte.
Und nun stellt euch vor, was passierte, als Lila mit ihrem neuen Freund, dem Drachen, ins Schloss zurückkehrte. Ihr werdet es kaum glauben: Ihr Papa, der König, war so außer sich vor Freude, sein Töchterchen wiederzusehen, dass er gar nichts dagegen hatte, von nun an mit einem großen lilafarbenen Drachen zusammenzuwohnen. Und wie stolz er auf einmal auf Lila war.
„Unsere kleine Tochter hat also das Dorf von dem Drachen befreit“, sagte er zur Königin, nachdem Lila ihnen alles erzählt hatte. „Was haben wir da nur für ein Prachtstück an Prinzessin herangezogen, Mutter, findest du nicht auch?“
So kam es, dass Lila ihren eigenen echten Drachen bekam, und der bucklige Feuerspeier Brandeis musste von nun an nie wieder einsam sein. Sie spielten und tollten den lieben langen Tag zusammen im Schlosspark herum, und wenn ihnen das zu langweilig wurde, flogen sie einfach in die Welt hinaus und erlebten allerhand Abenteuer. Aber davon, meine Lieben, erzähle ich euch ein anderes Mal.

© Helena Srubar