Andrea Heitz: Zukunftsweisend

Meine Schwiegermutter wird im kommenden September 92 Jahre alt. Somit ist es für mich höchst an der Zeit, von ihr zu erzählen, wobei ich das Wort Schwiegermutter gleich wieder streichen will, denn es klingt nach dünnen Lippen, neugierigen Telefonanrufen und gehäkelten Klopapierrollenverschönerungen.
Keines dieser Attribute passt zu Rosa. Über ihre Lippen kommt kein böses Wort, telefoniert wird nur im Notfall, denn das kostet ja und zum Häkeln hatte sie mit vier Kindern und einer kleinen Zimmervermietung für Feriengäste am Attersee ohnehin keine Zeit. Ihre Hände sind schwielig, von Arbeit gezeichnet und setzen einen starken Kontrast zu der sonst so zarten Statur. Aus dem nach wie vor fülligen Haar sprießt ihr Lebenswille, wächst weizengelbschimmernd dem Himmel entgegen, von wegen grau. Mit Haarspangen und Reifen versucht sie es zu bändigen, aber es passt zu sehr zu seiner Besitzerin.
Seit ungefähr fünfzehn Jahren, denn solange kenne ich mittlerweile ihren Sohn, meinen Mann und somit auch sie, spielen wir beide ein Spiel. Jedes Mal wenn wir zu Besuch kommen, fragt sie mich, ob ich etwas trinken möchte. „Ein Glas Wasser“, antworte ich. „Was, bloß ein Glas Wasser? Aber ich hätte auch Holunder- oder Himbeersaft im Keller!“ – kopfschüttelnd geht sie zum Schrank, holt ein Glas heraus und dreht den Wasserhahn auf. Habe ich das halbe Glas ausgetrunken, fragt sie noch einmal: „Magst nicht einen Saft hinein?“ – und ich verneine erneut. Es ist zu unserem Ritual geworden und ich würde mir ernsthafte Sorgen machen, wenn es einmal ausfiele.
Rosa, geboren 1914, gehört zur Kriegsgeneration. Sie weiß, was es heißt, sich die Erdäpfel für die Woche genau einzuteilen, den Bleistift zu einem kaum greifbaren Stummel zu spitzen und Holzreste im Wald zu sammeln, damit es zuhause ein bisschen warm wird. Sie versteht nicht, weshalb die Menschen heutzutage voll verpackte Lebensmittel weg schmeißen, das Licht stundenlange brennen lassen oder für einen Tag nach New York fliegen. Sie selber war einmal in ihrem Leben am Großglockner und damit basta.
Bei einem unserer Überraschungsbesuche vor circa drei Jahren entdeckte ich zwei mit Wasser gefüllte Kübel neben der Toilette, als ich mein Geschäft verrichtete. Zuerst dachte ich, die seien vom Putzen übrig geblieben. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Rosa deren Wasser, das aus der Regentonne stammte, wie ich später erfuhr, statt der Klospülung benutzte. Bei angekündigten Besuchen hatte sie diese Kübel immer versteckt. Aus Scham in dieser so verschwenderischen Welt nicht als geizig zu gelten? Circa zwölf Jahre lang hatte ich keine Ahnung von dieser Methode. Als ich meinen Mann Peter darauf ansprach, musste er lachen. Aber er hielt es für keine Schrulle seiner Mutter, für ihn war es ebenso normal. Im Grunde ist es der echter Wahnsinn, reinstes Trinkwasser zum Abtransport von Kot und Urin zu verwenden. Deshalb schleppte Rosa regelmäßig Regenwasser vom Garten in den ersten Stock. Und sie würde es bis heute tun, wenn ihr fortgeschrittenes Alter sie ließe.
Warum ich Euch das alles erzähle? Ein paar Anekdoten von einer Frau, die voller Vergangenheit ist? So gestrig sie auch sein mag. Ich bin fest davon überzeugt, dass in einem Teil ihrer auf den ersten Blick veralteten Weltanschauung unsere Zukunft liegt: im sparsamen Umgang mit den Ressourcen, im gezielten Nutzen dessen, was die Natur uns schenkt und in der Dankbarkeit für ein Stück frisches Brot mit Radieschen. Bis jetzt bin ich nur in der Frage des Durststillens noch bescheidener als sie.

© andrea heitz
11.06.2016