andrea heitz: geld und gier – oder ein i-horn kommt selten allein

fußgängerzone, mir um diese zeit am liebsten weil ohne fußgänger und gängerinnen. statt dessen müllfahrzeuge, kehrmaschinen, kleinlastwagen um den boden für die shoppinglämmer aufzubereiten. denn die trotten jeden tag brav zu diesem weidegrund um zu grasen, um sich nebenbei abscheren zu lassen bis auf die blanke haut. kreditkarte nennt sich das dafür nötige werkzeug. leicht reden hab ich, weil außerhalb des weidezauns gelandet, nicht ganz freiwillig, dafür frei von konsumzwängen, must haves und geizgeilem sabbern, was nicht heisst, dass ich´s leicht hab. würde auch dem hirtenhund werbung hinterherblöken, ein schaf unter vielen, wäre ich nicht ein schwarzes geworden. schaf meine ich. tief in den roten zahlen. vom lämmchen zur belämmerten bankkundin. schlecht beraten damals mit dem franken. wer hat ihnen denn den eingeredet? ach, gar nicht ihnen sondern ihrem mann. ex. mann. verzeihung. ja, der scheidungsstatistk geht´s besser als der zinsentwicklung. und sie. haben. mitunterschrieben. gebürgt? für die zahlung? schön oder auch nicht. und wo ist er jetzt? der ex? verzeihung, nein, bitte nicht weinen. ja, dann. dann, ja. wenn er nicht. zahlt. bleibt nichts. anderes übrig.
gestern blieben ein paar wechselgeldmünzen übrig, klimpern nun in meiner tasche. die kann ich heute gut brauchen, die wenigsten leute haben kleingeld bei sich, wenn sie mich mit der kupfermuckn stehen sehen. ich schwarzes schaf mitten unter den weißen. bei manchen blitzt es in den augen, wenn sie mich ansehen. kurz der gedanke: wie dünn die grenze ist zwischen schwarz oder weiß?
ja, aber hallo. was ist denn hier los? am boden lümmelnde menschen vor der einkaufspassage? mit matten, decken, schlafsäcken. ich wenn das tun würde, hätten sie mich längst verjagt. ist das eine demo? nein, keinerlei plakate und warum um diese zeit? alle schön in einer reihe bis zur bäckerei nach hinten. und es kommen ständig neue hinzu. mensch, der schorsch hat doch gestern, genau. die sind alle wegen dem dings da, dem neuen i-horn zehn oder wie das heisst. tatsächlich. legen sich bei dieser kälte in aller herrgottsfrüh auf die straße, um als erste den elektronikmarkt zu stürmen. das nenne ich einsatz. und ich stelle mich davor und halte ihnen die kupfermuckn unter die nase. das wird ein sinnloser tag. leute wie die sehen mich kaum. ihr zielstrebiger blick gleitet über mich hinweg. die geben zu viel geld auf einmal aus, da bleiben keine zwei euro mehr übrig. kleingeld hin oder her. aber vielleicht der eine oder andere kaffeebecher wenn sie reinstürmen. was gleich der fall sein wird. wenn mich nicht alles täuscht machen sie extra eine stunde früher auf. 7.56 uhr. die rollen schon ihre decken zusammen. der erste in der reihe hat ein mikro vor der nase: wie lange sind sie schon hier? will die wachswangige reporterin wissen. aber jetzt geht die tür auf und die antwort wird von los-geht´s- schritten zertrampelt. ich gehe in deckung, brauche keine ellenbögen in meiner magengegend. security steht auch rum. schon staut´s an der rolltreppe. viele recken die hälse, als würde sie das schneller voran bringen. geiz ist geil applaudiert eines von diesen digitalen werbedingern über der treppe. obwohl: wer 699 euro oder was das ding kostet für ein handy ausgibt, der ist mehr geil als geizig. was ich mit so viel geld machen würd? he, der dicke da, der rempelt das mädchen fast um. und der security mann sieht seelenruhig zu. dieser knacker in uniform ist auch für die würscht. ich hau ab, mir reichts. sollen die sich doch die köpfe. nur um jederzeit und überall online…. um jederzeit nachverfolgt zu werden, wofür sie sich wie lange interessieren, um wieder neue werbebotschaften zu erhalten. ja, zum zeitunglesen komm ich schon. obdachlos heißt nicht blöd in der birne. niemand hätte früher sein fenster sperrangelweit aufgerissen und sich splitternackt davor hingestellt. aber auf diese weise alles kein thema, ist das hip. schau, schau – tatsächlich ein kaffeebecher da hinten im eck. und eine liegengebliebene decke. bumm, greift sich die kuschelig an.
tolle stoffe gibt’s mittlerweile. viel weicher als die filzigen wolldecken bei uns in der schlafstelle, aber warm, hauptsache warm. ein bisschen auch noch der kaffee. mmmh, mit zucker. so nasche ich ein wenig mit beim konsumfest. und die ersten kommen schon raus, schicke weiß-goldene i-horn tüten am handgelenk schwingend. weihnachtsglitzern im gesicht. 40 tage davor. i-hornen sie sich ab sofort durch die gegend, transparent bis auf die knochen, aber ein röntgengerät würden sie nie kaufen. he, sieh mal an, das ist doch mein bankberater. der von damals. der außer einem taschentuch und einem schwitzigem händedruck keinerlei beratung für mich übrig hatte. auch er ein i-horn jünger. unter sektenverdacht kommen die nie? warum halt ich mir den kaffeebecher vors gesicht? dumme angewohnheit. der kennt mich seit dreitausend jahren nicht mehr. wer unter den hammer kommt verschwindet aus dem gedächtnis diverser bankangestellter. was mach ich mit der decke? ich bring sie hernach dem robert bei der info. vielleicht wird sie nach der i-horn-mania vermisst? oder gibt´s eine entsprechende app, die für warme füße sorgt? eine tschick liegt nirgendwo rum? die täte superbestens zum kaffee. maßlosigkeit steckt an. kein guter tag für die kupfermuckn. aber ich darf meinen standplatz nicht wechseln. wie die alle grinsen, sich an der reporterin vorbeischlängeln. die sich nun selbst interviewt, gute methode um die geeigneten antworten zu bekommen. der schorsch von der schlafstelle nennt sie jedesmal schneewittchen, wenn er sie in den nachrichten sieht. der muss immer oberösterreich heute schauen wenn er da ist. der menschenstrom reißt nicht ab. brave lämmchen. echt gut der kaffee. und da – mitten zwischen den schafen – ein gesicht, mein gesicht von vor zwanzig jahren. sie auch? auch sie? bekommt sie so viel geld von den pflegeeltern? oder begleitet sie nur eine freundin beim einkauf? schaut kurz her, oje, ob sie mich? nein, geht vorüber. diesmal war er wichtig der becher. wie groß sie geworden ist, nichts pausbackiges mehr. die haare glänzend wie frisch vom friseur. nein. sie hat mich nicht. erkannt. hier kaum vermutet. schlängelt sich mit der freundin richtung rolltreppe. ob sie das foto noch? das von ihrem fünften geburtstag? schokotorte mit schlag und hernach gekotzt auf das wohnzimmersofa. vertrug sich nicht mit dem popcorn und dem fanta. gut, dass der heinrich an dem nachmittag nicht da war. er hätte ihr sicher eine gescheuert. vielleicht war der franken doch zu was gut? sie schaut so komplett aus, vollständig, bereit für das leben. besser ich geh jetzt bevor sie raus kommt und mich doch noch erkennt.

07.05.2014
© andrea heitz