Günter Kowatschek: Landnahme

In so einer kleinen Gemeinde wie der unseren, da denkst du, jeder kennt jeden. Schaust du aber genau, dann ist das gar nicht so. Die Bauern sind untereinander bekannt und deren Kinder kennen sich, aber deren Kinder dann nur noch, so lange sie gemeinsam in die Schule gehen. Weil danach ziehen sie oft weg. Für das ist die Schule im Ort schon gut, dass sich die Kinder kennen lernen, nämlich auch die aus der neuen Siedlung. Noch dazu kommen sich deren Eltern näher. In der Siedlung kennt zudem jeder seine Nachbarn und deswegen gibt es wohl diese Meinung, dass sich in so einer kleinen Gemeinde alle kennen. Die in der Siedlung kennen jedoch die alten Bauern nicht mehr. Denen ist das egal, weil sie mit fremden Leuten nichts zu tun haben wollen. Kommt aber eine aus der Stadt in so eine kleine Gemeinde und pachtet einen aufgelassenen Gasthof, dann glauben alle, die zu kennen. Da kaufst du bei der Greißlerin ein, trinkst im Wirtshaus einen G‘spritzen oder spazierst durch die Siedlung. Überall reden sie über die, die sich in den Leonhardsberger-Hof eingenistet hat. Die, das ist die Kathi Keskovar. Das hat sich bald herumgesprochen. Weil die Greißlerin nimmt sich kein Blatt vor dem Mund. Die hat ihr gleich gesagt, bei uns im Ort, da wollen wir die Leute kennen. Deswegen solle sie erzählen wie sie heißt und was sie vorhat. Die Kathi – ich bin nicht per Du, aber es erzählt sich leichter, wenn ich nicht dauernd Frau Keskovar sagen muss – die hat eh gern geredet. So eine Stadtschlaue ist das. Die glaubt zu wissen, wie es am Land zugeht. Nämlich wenn du der Greißlerin was sagst, dass es dann alle im Ort erfahren. Da sparst du dir das Geld für die Werbung, weil Mundpropaganda, das kannst du nie bezahlen. Unsere Greißlerin ist aber nicht so eine. Die hat es nur der Pfarrersfrau erzählt und der Huber-Bäuerin. Die ist ja Elternvereinsobfrau und Ortsbäuerin. Sonst hat die Greißlerin es überhaupt niemanden erzählt. Das weiß ich, weil mir hat sie es schon erzählt, sonst wüsste ich es nicht. Gewusst haben es trotzdem alle. Frag mich, wie das geht.

Es heißt, die Kathi sei Engeln begegnet und hergezogen ist sie, um in Seminaren ihre Erfahrungen an Frauen weiterzugeben. Die sollen sich hier selbst finden können. Da schaust du, oder? Kommen von was weiß ich woher und zahlen einen Batzen Geld, um sich selbst zu finden. Na hoffentlich verlieren sie sich dann nimmer, wenn sie wieder abreisen. Außerdem lehrt Kathi ihnen, mit Schutzengeln in Kontakt zu treten und wie man mit Licht arbeitet, so habe ich es verstanden. Mit Schutzengeln und mit Licht. Von den Seminargebühren kann sie den Pachtzins zahlen und sich täglich etwas Warmes zu Essen kochen. Mehr brauchst eh nicht zum Leben, wenn du in deiner eigenen Welt lebst. Aber die Kathi lebt halt auch in unserer Welt.

Ich glaub am Stärksten spürt sie das, wenn sie ins Wirtshaus kommt. Der Hofer Hans, weißt eh, unser Kirchenwirt, der ist so ein eigener Schädel. Der hat seine Regeln: In einem Wirtshaus ist der Wirt zu Hause, der Gast wird geduldet. Darum sperren immer zuerst die Gasthäuser zu. Weil hat der Gast einmal das Sagen, dann ist Schluss mit freundlich. Das sieht der Hofer so.

Und jetzt kommt die Kathi. Ein hübsches Wesen ist sie ja. Würde ich an so was glauben, könnte man meinen, die hat etwas Engelhaftes an ihr. So lange Haare, die sie meist offen trägt, nie einen geflochtenen Zopf, nur im Sommer vielleicht einmal hochgesteckt. So keck, wie man sagt, wo noch immer Strähnen ins Gesicht und in den Nacken hängen. Und immer Kleider an. Das ist ja etwas Schönes. Weil auch bei uns haben immer mehr Frauen Hosen an, gerade die jungen. Aber die Kathi: immer ein bodenlanges Kleid, oder einen Rock und eine Bluse, wenn es kalt ist einen dicken Pulli drüber. Ihr Gang hat was Schwebendes an sich, aber das bilde ich mir vielleicht nur ein. Wenn sie dich anschaut, dich anlächelt und grüßt, so ein freundliches, helles, beinah gesungenes „Grüß Gott“, das öffnet dir das Herz, da musst du selbst lächeln und grüßt ganz bestimmt zurück, wenn du den Mund vorher zukriegst, vor lauter staunender Freude. Anders der Hofer.

Ein abgebrühter Geschäftsmann ist das. Der findet es gleich verdächtig, wenn da eine mit einem Zettel in der Hand in sein Wirtshaus schwebt. Die Kathi will einen Tisch reservieren, für acht Frauen, das betont sie, dass es Frauen sind. Sie bittet den Wirt, ihr von Freitag bis Sonntag einen Tisch zu reservieren. Dann zeigt sie ihm den Zettel, weil sie mit ihm das Speisenangebot besprechen will. Er schaut sie verwundert an und erklärt, dass schon noch er der Wirt sei und daher bestimme, was gekocht werde. Seine Hausmannskost habe noch jedem geschmeckt. Die Kathi aber bleibt hartnäckig. Das kennt man ja, Engel sind unnachgiebig, immer sehr freundlich, aber ihrer Sache treu. Sagt die dem Wirt, dass sie keine Hausmänner erwarte sondern Frauen. Frauen, die Abstand von zu Hause suchen und vor allem von allfälligen Hausmännern. Und: sie sei auch Unternehmerin. verstünde ihn schon, erwarte trotzdem, dass er ihr – als Kundin – etwas entgegen komme. Immerhin plane sie so zwanzig bis dreißig Seminare im Jahr zu organisieren. Wenn er da unternehmerische Flexibilität hinsichtlich des Speisenangebotes zulasse, dann sei für ihn an so einem Wochenende ein Umsatz von fünf- bis sechshundert Euro drinnen. Und nicht nur ein paar halbe Bier und G‘spritzte. Just als sie das sagt, schaut sie zum Stammtisch, wo sich der alte Huber und der Mayrhofer in dem Moment wegdrehen. Nur der junge Schreiber Sebastian, der schaut die Kathi an, mit einem offenen Mund, dass ich ihm schon sagen will, pass auf deinen Trenzerling auf. Der Wirt will sich jetzt vor den Gästen keine Blöße geben und bittet die Kathi in die Küche, um das intern zu klären, wie er hinzufügt. Da merkst du gleich, den hat das engelhafte jetzt genauso gestreift. Weil der auf einmal lächelt, der Wirt, so siehst du das nicht oft. Der lächelt zwar immer, aber nicht weil etwas lustig ist, der hat so ein Geschau. Nur wenn er zornig wird, da lächelt er nicht. Jetzt aber lachen die Augen mit. Das ist etwas anderes. Und siehst du, das meine ich, das muss die Kathi noch lernen, wie es bei uns im Ort zugeht. Oder so.

(Copyright: Günter Kowatschek; 27.05.2011 – überarbeitet und ergänzt am 15.07.2015 für Federspiel-Abend)