Josef Maria Hader: Midlife-Crisis eines Fernsehapparates

Das waren noch Zeiten, als ich im Verkaufsregal im Elektrogeschäft residierte und meine beeindruckenden technischen Daten in Schönschrift neben mir auf einem Hochglanzschild prangten. Die Besucher interessierten sich brennend für mich und löcherten den Verkäufer mit Fragen bis ins Detail.

Leider ist das Vergangenheit. Jetzt, ewig lange nach meiner Übersiedlung in ein Wohnzimmerschrankregal, bin ich als elektronische Persönlichkeit uninteressant geworden. Alle glotzen nur mehr, meist mit saurer Miene, auf meine Mattscheibe, während ich das Programm programmgemäß abspule, Tag für Tag, vor immer denselben bekannten Gesichtern. Dabei hatte damals alles so perfekt begonnen. Sofort nach meiner Lieferung und zärtlichen Inbetriebnahme durfte ich täglich stundenlang meine Show abziehen, nur in Superlativen schwärmten sie über mich – ich war der Star im Patschenkino. Die Begeisterung mir gegenüber hatte jedoch rasch abgenommen, sodass ich kontinuierlich an Selbstbewusstsein verlor und mich inzwischen nur mehr als Gebrauchsgegenstand fühle. Mit zunehmendem Alter spüre ich nun, wie meine Bildröhre langsam verglüht und verstaubt. Dass ich dennoch tadellos funktioniere, ist für alle selbstverständlich. Sollte ich jedoch einmal nicht so gut drauf sein und es passiert mir ein Übertragungsfehler oder ich vergreife mich im Ton, dann werde ich gnadenlos gerügt. Im Extremfall hauen sie mir sogar links, rechts und von oben eine rein …

Am allermeisten leide ich unter den „Zappern“, die werden früher oder später mein Tod sein. Denen ist das jeweilige Programm grundsätzlich schnuppe, Hauptsache, sie können drücken, drücken, drücken. Ich vermute, die leiden an einem Parkinson-Tremordaumen, der ständig zucken muss und dummerweise immer auf der Programmtaste meiner Fernbedienung – Programme rauf, Programme runter, Programme rauf … Erbarmungslos werden mir dabei im Nähmaschinentakt Infrarotstrahlenstöße aus der Fernbedienung entgegengeschleudert, so blitzschnell, dass ich mit dem Programmwechseln kaum mehr nachkomme. Das Signaltrommelfeuer zerfetzt mir dabei fast mein optisches Auge, da sehe ich nur mehr Rot. Wenn diese Zapper nur einmal in meine Betriebsanleitung geschaut hätten, wüssten sie, dass mir das auf Dauer nicht gut bekommt, davon kann ich leicht einen Regelkreislaufkollaps erleiden …

Zu meiner Entschuldigung möchte ich sagen, dass ich früher als Junger nicht so kritisch war. Da hat mir vieles noch weniger ausgemacht, da hatte ich noch Tele-Visionen …

Aus: Grimassenschneideversuche – Texte zum Schmunzeln und Runzeln