Harald Brachner: Ein letztes Mal

Der Applaus ist verklungen; er rieselt den schweren Vorhang entlang und sinkt still zu Boden. Er steht allein auf der Bühne; er, der Mann von La Mancha; er, der müde geworden ist vom Kampf, dem jahrelangen. Seine Kräfte sind aufgebraucht. Er ist keiner, der sie sich einteilen wollte – der war er niemals; immer mit offenem Visier und voller Kraft; keine halben Sachen – bedingungslos, ganz! Ob er Fehler gemacht hat? Er denkt darüber nach und nickt. Die Kräfte schwinden, minütlich verlassen sie seinen Körper. Er lehnt an der Windmühle aus Pappmaschee, blickt in die Leere. Er spürt, dass das heute seine letzte Vorstellung war.

Die letzte Vorstellung! Ein Gedanke mit dem er schon seit Jahren gerechnet hat – rechnen musste – nein, gelernt hat zu rechnen! Der, der jetzt kommt, der rechnet nicht, der zahlt nicht – der nimmt! In den verlassenen Rängen sucht er nach einem, der sitzen geblieben ist; mit ihm hier geblieben ist; ihm die Treue hält, über die letzte Vorstellung hinaus. Mit ihm diese Leere teilt, die den tosenden Applaus aufsaugt und ihn allein lässt in der letzten Rolle seines Lebens.

Die letzte Vorstellung! Ein Scheinwerfer wirft sein Licht auf ihn, umhüllt ihn – ahnungsschwer. Das Licht, es gleißt nicht mehr, es tröstet durch seinen weichen, milchigen Glanz. Seine Augen aber sind klar, der Blick, obwohl fragend, fest! Er geht einen Schritt. Beschwerlich knarrt es in den groben Dielen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, leiden mit ihm, im Takt seines noch schlagenden Herzens. Und wieder sucht er im Dunkel nach den Schatten, die ihn schon Jahre begleiten. Die Lanze liegt im Staub, die Kraft fehlt, sie zu heben. Der Kämpfer ist müde geworden. Zitternd bleibt er stehen; mitten auf der Bühne – bleibt er stehen.

Er streift sich den schweren Helm vom Kopf. Blechernd fällt er zu Boden, schaukelt ein wenig hin, und her; dann liegt er still, ganz still. Ein wenig gebückt steht er da, mit nach vorne gekippten Schultern und schlaff nach unten hängenden Armen. Er wankt. Doch dann geht ein Ruck durch seinen Körper! Er richtet sich auf. Mit Stolz will er dem letzten Besucher begegnen. Seinen schmalen Körper angespannt, dreht er sich um, verschwindet in der Kulisse; dann kommt er wieder.

Ein feines Lächeln umspielt seine Lippen. Der Federhut steht im gut. Er setzt das rechte Bein nach vorne, macht einen Kratzfuß, nimmt den Hut aus der Stirn, schwenkt ihn mit unglaublicher Grandeza in einem Halbkreis über den Boden, blickt ins Publikum; und bedankt sich. – Der Vorhang fällt, das Licht geht aus …