Ortwin Teibert: Das Rascheln der Wörter

Ich saß im Zug nach Wien. Vor dem Einsteigen hatte ich mir eine Tageszeitung besorgt, um Aktuelles aus dem Kulturteil zu erfahren.

Seit einiger Zeit musste ich allerdings beim Zeitungslesen äußerste Vorsicht walten lassen, da ich Gefahr lief auf außenpolitische Nachrichten allergisch zu reagieren. Solches Geschreibsel bestand, wie ich feststellte, oft aus tendenziösen Halbwahrheiten, um Bestimmtes zu erreichen.

Damit ich solche Artikel nicht unversehens zu Gesicht bekam, die normalerweise auf den ersten vier Seiten standen, begann ich die Zeitung von hinten aufzuschlagen.

Nach dem Lesen der Kulturberichte sprang mir aber beim neuerlichen Umblättern unverhofft eine dicke Schlagzeile ins Auge: NatoAufrüstung dient der Arbeitsplatzsicherung.

Diese Überschrift löste in mir eine sogenannte presslufthammerartige Schüttel-Attacke aus, sodass durch mein extremes Zittern die Worte ungebremst laut raschelnd aus der Zeitung heraus spritzten. Sie fielen auf meinen und des Nachbars Schoß, auf die Sitze und direkt zu Boden.

Dieses Geschehen veranlasste mich zu einer Entschuldigung beim Sitznachbarn, einem älteren Herrn: „Tut mir leid, dass ich Sie mit Wörter bekleckst habe. Hoffentlich waren keine allzu verdreckten dabei. Sie wissen ja bestimmt selbst, was für Mist heutzutage in Zeitungen steht. Hier, darf ich ihnen ein Taschentuch anbieten, zum Abwischen.“

„Nicht nötig“, meinte darauf der gute Mann. „Kann ja vorkommen. Mein Hemd streiften nur paar unbedeutende Wörter, keine schmutzigen. Das Wort Korruption und Atomschlag konnte ich augenblicklich mit der Hand von der Hose wegwischen. Die Hose kommt sowieso in die Wäsche. Das große fettgedruckte Wort Nato ist mir gottseidank zwischen den Beinen durchgefallen. Hoffentlich habe ich die Nato nicht schon zertreten.“

„So leicht lässt sich die Nato nicht zertreten“, entgegnete ich.

„Das Herausspritzen der Wörter trifft sich vielleicht ganz gut“, fuhr mein Mitreisender fort. „Ich würde nämlich das Wort Waldi brauchen. Mein Dackel Waldi ist leider kürzlich an Altersschwäche verstorben.“

„Mein Beileid! Ich würde Ihnen gerne helfen, aber das Wort Waldi, ist vielleicht gar nicht in der Zeitung gestanden.“

„Der Boden ist doch hier von einer Unmenge Wörter bedeckt, da müsste doch auch Waldi dabei sein.“

„Wir können ja danach schauen, vielleicht haben Sie Glück.“

Gemeinsam ließen wir uns also auf die Knie und krabbelten im Abteil umher, um die Worte wieder einzusammeln, hinein in den Plastiksack, wo vordem meine Jause drinnen war. Dabei hielten wir ständig Ausschau nach dem Wort Waldi.

Mitten darin kam der Zugkontrolleur. Ein junger Kerl, der uns schroff frug, was wir da am Boden suchten. „Den Waldi“, antwortete mein Begleiter. „Nur das Wort Waldi“, korrigierte ich ihn. Auf das hin wurden wir aufgefordert, sofort Platz zu nehmen, den Unsinn zu lassen und den Fahrschein vorzuzeigen. Was wir auch taten. Kopfschüttelnd verließ uns wieder der Kontrolleur.

„Es gibt immer wieder Menschen, die gewöhnliche Zusammenhänge nicht begreifen“, erklärte mir mein Nachbar und streckte mir die Hand entgegen. „Ich bin der Franz.“

„Ich bin der Jürgen.“ Dann schüttelten wir uns die Hände und begaben uns wieder zu Boden, um vielleicht doch noch Waldi aufzuspüren.

Plötzlich kam mir das Wort Vivaldi unter. Auf das hin sagte ich zu Franz: „Ich habe Vivaldi gefunden, aus dem Kulturteil, jedoch mit zweimal Vau geschrieben.“

„Das macht nichts, das passt! Meinem Waldi ist die Schreibweise sicher egal. Und Vi vor Valdi ist sogar besser als Waldi allein. Vivaldi ist perfekt, es ist ja sozusagen wie Waldi! Das nehme ich. In der Brusttasche wird es meine Trauer vertreiben.“

Mit dem Einsammeln waren wir kurz darauf fertig. In St.Pölten stieg Franz aus. Ein weiterer Fahrgast nahm Platz bei mir. Sein Blick ging neugierig auf das Titelbild der wortleeren Zeitung. Ich bot ihm an, sie zu nehmen. Er blätterte darin und äußerte sich dann erstaunt: „Da gibt’s nur Bilder, keinen Text.“

„Ja leider“, entgegnete ich. „Auf Grund einer Schüttelattacke sind mir die Worte heraus gefallen und befinden sich nun hier im Sackerl. Ich schenke Sie ihnen, zum Lesen.“

Auf das hinauf verließ mich der neue Gast fluchtartig und grußlos. Aber so sind die meisten heutzutage. Verständnis für etwas Außergewöhnliches kann man nur selten erwarten.